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ſetzen, ſo erſchüttert war ſie. Aber auch Alerandra fühlte den Kummer der Freundin mit, und in den Augen der beiden Mädchen glänzten Thränen, welche ein und daſſelbe Gefühl in ihrer Bruſt abſpiegelten.
— Die Verhaftung meines Vaters und anderer Patrioten reizte die Bevölkerung Warſchau's, und ein entſetzlicher Aufruhr brach aus. Die Kanonen donner⸗ ten. Das Blut ſtrömte auf allen Straßen. Der ruſ⸗ ſiſche Obergeneral wurde in ſeinem Hauſe belagert, ſo daß er ſich nur durch die Flucht retten konnte. Die Inſurgenten hieben 2000 Ruſſen nieder und befreiten die Gefangenen. Polen ſchien ſich von Neuem ſiegreich zu erheben. Alles hoffte; nur mein Vater zweifelte am Ausgang. Einige Anhänger Rußlands wurden als Reichsverräther aufgeknüpft, theils in Wilna, theils in Warſchau. Mein Vater beklagte all dieſes Unglück. Bei ſeiner friedlichen Geſtnnung wurde er nicht bloß von Rußland, ſondern auch von Polen mit Mißtrauen betrachtet. Seine Vorherſagungen ſollten ſich indeſſen bald, nur allzubald beſtätigen. Bei all ſeinen Erfolgen erlitt Kosciusko auf einmal eine entſcheidende Nieder⸗ lage bei Macijowice, wo auch die letzten ſelbſtſtändigen Fahnen des Vaterlandes im Blute ſanken. Die pol⸗ niſche Armee wurde aufgelöst, niedergeſäbelt oder ge⸗ fangen. Beinahe ſterbend ſank der Held auf dem Wahlplatze nieder, wurde gefangen und nach Petersburg abgeführt. Zu gleicher Zeit naherten ſich Suwarow's Heerſchaaren unſerer Hauptſtadt. Die Vorſtadt Praga wurde mit Sturm genommen. Es entſtand ein uner⸗ hörtes Blutbad. Schrecken und Entſetzen bemächtigte ſich aller Gemüther. Warſchau ergab ſich. Beſpritzt von dem Blut der unglücklichen Freiheitskämpfer, rück⸗ ten die Sieger triumphirend in die Stadt ein.
Willanow erzählte dieſe Dinge, die ſie ſelbſt erlebt hatte, auf eine ſo anſchauliche Weiſe, daß Alexandra ſich darüber entſetzte.
— Mein Vater, fuhr ſie fort, hatte ſich zu den


