263
genau, ob es 1793 oder 94 war, aber jedenfalls kam in einem dieſer beiden Jahre ein Brief an, der ſie mehr verſtimmte als alle andere. Zufällig erfuhr ich ſpäter, daß Wanja, die ſich ihrer Geſundheit wegen nach Ita⸗ lien begeben, in Neapel den Schleier genommen hatte und Nonne geworden war, ſowie daß Prinz Lubomirski, ihr geſchiedener Gatte, unter der Laſt ſeines Kummers und vieler Widerwärtigkeiten geſtorben war. 9 In⸗ zwiſchen hielt ich dieß für die Urſache von Marfa's Melancholie, einer Melancholie, in Folge deren ſie ſich mehrere Wochen nicht zeigte.
— Was ſagſt Du, Wanja wurde Nonne?
— Ja, Ew. Hoheit. Sie war eines Lebens über⸗ drüſſig geworden, das ihr keine Freude ſchenkte.
— Und Marfa und Wanja waren ſehr gute Freundinnen?
— Sie hatten einander viele, viele Jahre lang gekannt.
— Vielleicht waren ſie Verwandte?
— Das glaube ich nicht. Aber Unglücksfälle und Leiden hatten ſie vereinigt und ſie liebten ſich wie Schweſtern.
Die beiden Mädchen betrachteten einander mit einer ſo unverſtellten und reinen Liebe, wie nur je Unſchuld und Ergebenheit einander betrachten können.
Zur Seite des Wagens hörte man fortwährend den gleichmäßigen Takt der Pferdehufen, welche den bleichen rieſigen Reiter verkündeten. Manchmal wurde der Schat⸗ ten ſeiner Geſtalt vor dem Wagenfenſter ſichtbar.
„Das Volk ſtrömte auf den Seiten um ſie her, gleich einer in zwei Arme getheilten Fluth.
⁵) Diejenigen, welche den Roman„der Trabant“ ge⸗ leſen haben, werden gewiß hier in Lubomirski Vincenz, und in Wanja die Mutter Döring's wie⸗ der erkennen.


