Teil eines Werkes 
1. bis 4. Bändchen (1852)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

58

Ihr Gang war gewöhnlich majeſtätiſch, langſam, mit kleinen Schritten, aber in dieſem Augenblick haſti⸗ ger und lebhafter als ſonſt.

Den Kopf trug ſie hoch, der Blick war zu Boden geſenkt, und in ihrem Geſicht verrieth ſich ein Zug von Unruhe.

Obſchon ſie bereits in einem ſehr hohen Alter ſtand, waren noch immer Spuren von Schönheit ſichtbar.

Ihre Kleidung war einfach, aber geſchmackvoll, und erhöhte ihre natürliche Anmuth. Das Haar war mit allerliebſter Kunſtloſigkeit aufgebunden. Die Krone war für dieſes ſtolze Haupt geſchaffen.

Ohne alle Verſtöße gegen die Schönheitsregeln war indeß das Geſicht nicht, denn die untern Parthieen waren etwas plump. Das ſinnliche Element in ihrem Charakter hatte ſich darin auf Koſten des pſychiſchen en wickelt.

Ihre Augen waren graublau, aber vom Feuer der

Leidenſchaft belebt. Eine kleine Runzel an der Naſe

konnte man auslegen wie man wollte. Man hat ge⸗ ſagt, ſie bedeute Bosheit.

In dem Saal, welchen die Kaiſerin betrat, ſtanden die Glasthüren offen auf einen Balkon, wo ſeltene Pflanzen in ihrem ſchönſten Farbenglanz prunkten.

Während ſie mit einer gewiſſen Ungeduld, als be⸗ ſchäftigte etwas Wichtiges ihre Gedanken, durch den Saal ſchritt, um ſich in die inneren Zimmer zu bege⸗ ben, warf ſie einen Blick auf den Balkon.

Auf einmal blieb ſie dabei ſtehen, gleichſam ge⸗ feſſelt von dem ſchönen Anblick, der ſich ihr darbot.

Ihre Begleitung gehorchte unmittelbar der Kaiſe⸗ rin, blieb ebenfalls ſtehen und heftete ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf denſelben Gegenſtand. 1

Ein leichter Ausruf kam über die Lippen der Monarchin, und ſie reichte ihre eine Hand der Groß⸗ fürſtin.

—