Teil eines Werkes 
2. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

399

meine ſonſtige Gewohnheit nicht einſchlafen. Da öffnete ſich ſo ſchien es mir, die eine Thür der geräumigen Stube, und zu meinem Erſtaunen trat eine Menge Menſchen herein, die feierlich bei meinem Bette vorüber und zur entgegengeſetzten Thür hinaus zogen. Es waren Malteſer, Griechen, Türken und Leute von andern Nationen, ſo verſchieden in ihrer Kleidung und ganzen Geſtalt, als ich mir zu einer andern Zeit nicht würde haben denken kön⸗ nen. Zugleich ſtrömte von ihnen ein heller Glanz aus, der das ganze Ge⸗ mach ſtark erleuchtete. Dies alles ſah ich mit der größten Deutlichkeit, denn ich befand mich im wachenden Zuſtande und bei völliger Beſinnung. Die Erſchei⸗ nung mochte wohl eine halbe Stunde gedauert haben, und einige tauſend Ge⸗ ſtalten mochten vorüber gegangen ſein, als eine ſchöne, weiß gekleidete weibliche Perſon aus dem Haufen hervortrat, mit freundlicher Miene ſich meinem Bette näherte, und mich ſanft über die Wangen ſtrich. Ich glaubte eine Hand zu fühlen, und es überlief mich ein eiskalter Schauer. Die Geſtalt trat hierauf einige Schritte zurück, bückte ſich und zeigte, mich ernſthaft anſchauend, wieder⸗ holt auf den mit Steinplatten bedeckten Fußboden des Gemachs. Ich weckte meine Frau und fragte, ob ſie nichts ſähe? Sie ſah nichts. Ich zog ſodann die Bettdecke über den Kopf, ſchloß die Augen und fiel in einen von Träumen beunruhigten Schlaf.

Als ich am Morgen aufſtand, befand ich mich dem Anſcheine nach voll⸗ kommen wohl. Unſere Nachbarn erfuhren ſehr bald, was mir in der Nacht be⸗ gegnet war, und viele kamen, um ſich den Vorfall ausführlich erzählen zu laſſen. Nach ihrer Meinung war es eine Geiſtererſcheinung geweſen, was ſie um ſo weniger befremdete, weil das von mir bewohnte Haus, wie ſie ſagten, während der Peſt völlig ausgeſtorben ſei, und man nachher die Ciſterne desſelben voll Todte gefunden habe. Mittlerweile kam der Mittag heran; ich ſetzte mich zu Tiſche, war aber kaum aufgeſtanden, als mich eine Ohnmacht überfiel, ſo daß ich beſinnungslos zu Boden ſank. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich im Bette; vor mir ſtand mein armes, in Thränen zerfließendes Weib, umgeben von einer Menge mitleidiger und tröſtender Perſonen, und bald trat auch ein Arzt in die Stube. Er erklärte meinen Zuſtand für die Folge einer Nerven⸗ ſchwäche; und dies gab zugleich Aufſchluß über jene Erſcheinung in der ver⸗ gangenen Nacht es war die Geburt einer kranken Phantaſie geweſen. In⸗ deſſen ſchlug das vom Arzte verordnete Mittel, nämlich warme Umſchläge von rothem, mit Zimmt, Nelken, Rosmarin und Pomeranzenblättern abgekochten Wein, die um die Füße gelegt wurden, ſo trefflich an, daß ich nach zwei Tagen das Bett wieder verlaſſen konnte; und da um dieſe Zeit die Winterregen nach⸗ ließen und das ſchönſte Frühlingswetter eintrat, ſo war meine Geſundheit nach