Teil eines Werkes 
2. Band (1857)
Entstehung
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Daher es auch hauptſächlich kommt, daß ihre dortigen Wohnungen nicht ſo prächtig, als ihre ländlichen ſind; denn letztere werden immer als die eigentliche Heimath betrachtet.

Es kann nicht fehlen, daß der Tiefſinn, die Feſtigkeit, der ruhige Ernſt, die Selbſtgenügſamkeit und Verſchloſſenheit des engliſchen Volks ſeinem Aeu⸗ ßern einen gewiſſen Anſtrich von abſtoßender Kälte geben, der beſonders bei denjenigen, welche Strenge zu üben genöthigt ſind, z. B. bei obrigkeitlichen Perſonen, Offizieren der Land⸗ und Seemacht, bei Schullehrern u. ſ. w., ſich ſehr auffallend zeigt. Ein großer Irrthum aber iſt es, wozu der Ausländer oftmals verleitet wird, dieſe Kälte für Gefühlloſigkeit zu halten. Zwar ſchützen den Engländer die obigen Eigenſchaften vor allzu großer Reizbarkeit, und machen, daß er nur geprüften Perſonen das Herz öffnet, und überhaupt ſeine Empfindungen zu beherrſchen und äußerlich zu verbergen ſucht. Deſſen unge⸗ achtet beſitzt er einen hohen Grad von Gutmüthigkeit, und ein feines und zartes Gefühl, welches die empfangenen Eindrücke tief und unauslöſchlich eindringen läßt. Wenn er auch weder ſeine Freude bei frohen Ereigniſſen, noch bei trau⸗

rigen ſeinen Schmerz zu erkennen gibt, ſo liegt die Urſache nicht in dem Man⸗

gel an Rührung, ſondern darin, daß dieſe zu innig iſt, um ſich zu äußern. Macht man doch allenthalben die Erfahrung, daß Menſchen, die ihre Ge⸗ müthsbewegungen mit dem Schein des Gleichmuthes bedecken, weit lebhafter davon ergriffen ſind, als andere, welche ihren Kummer mit Weinen und Weh⸗ klagen, oder ihre Fröhlichkeit mit Scherz und Gelächter begleiten. Daher kommt es auch, daß die Engländer, trotz ihrer Seelenſtärke, im Unglück oder bei fehlgeſchlagenen Hoffnungen leichter, als der reizbare, aber ſich ſtets Luft ſchaffende Franzoſe, ein Raub der Schwermuth und des Wahnſinnes werden. Deutlich leuchtet die Zartheit und Innigkeit ihres Gefühls aus ihrer Treue in der Freundſchaft hervor, die zwar ſchwer zu gewinnen, aber, wenn einmal ge⸗ wonnen, nicht leicht zu verlieren iſt. Uebrigens liegen die ſprechendſten Be⸗ weiſe davon in vielen andern ihrer Charakterzüge, in dem hohen Sinn für die Religion, in der Liebe zur Gerechtigkeit, Wahrheit und Redlichkeit, in der Men⸗ ſchenliebe, Mildthätigkeit und Freigebigkeit, in der Großmuth, der Vaterlands⸗ liebe, ſo wie in der ehelichen Treue und väterlichen Sorgfalt.

Die Engländer ſind wenig aufgelegt, Unrecht zu erdulden, aber eben ſo willig, Andern Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Das Gefühl für Recht iſt ihrem Weſen ſo tief eingeprägt, das es ſie auch im Zorne nicht verläßt. Selbſt der Pöbel bleibt bei ſeinen Schlägereien gewiſſen Geſetzen der Billigkeit ein⸗ gedenk; denn man bedient ſich z. B. keines Stocks, wenn der Gegner nicht dieſelbe Waffe führt, man greift dieſen nie hinterliſtig an, ſondern immer nach