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Leſen der Zeitungen; und meiſtens herrſcht unter ihnen eine tiefe Stille, obſchon bisweilen ein heftiger Wortwechſel über politiſche Gegenſtände ſich entſpinnt.
Bälle und dergleichen geſellige Zuſammenkünfte finden gewöhnlich nur unter Bekannten Statt, und erfordern eine beſondere Einladung. Ueberdem hat es überall, wo die Menſchen in großer Menge ſich verſammeln, das Anſehen, daß ihr Zweck mehr dahin geht, Andere zu beobachten, als Umgang mit ihnen zu pflegen; jede Familie bildet einen geſchloſſenen Kreis, und der Einzelne, be⸗ ſonders der Fremde, ſteht allein da, ſich ſelbſt überlaſſen. Ungleich ſtärkern Reiz, als geräuſchvolle Luſtbarkeiten, haben für die meiſten Engländer die ſtil⸗ lern Vergnügungen, z. B. Fahren, Reiten, Waſſerfahrten, und vorzüglich die häuslichen Freuden unter Angehörigen, Freunden und Nachbarn. Indeſſen gibt es, ſowohl unter den höhern, als den niedern Ständen, Viele, die beſon⸗ ders an gefährlichen und gewagten Spielen Geſchmack haben. Dahin gehören hohe Glückſpiele und Wetten, der Fauſtkampf, welcher oft, trotz der ſehr ver⸗ derblichen Folgen, auch zum Zeitvertreibe dient, ferner Wettlaufen, Stangen⸗ klettern und mehr dergleichen. Auch auf die Thiere werden ſolche Spiele aus⸗ gedehnt; man läßt Pferde um die Wette rennen und Hähne, bisweilen auch Hunde, Stiere, Löwen, Tiger u. ſ. w. mit einander kämpfen. Ein großes Ver⸗ gnügen gewährt Manchem die Jagd, wiewohl ſie aus Mangel an Wild ſich meiſtens auf Füchſe beſchränkt. Was aber alle Engländer gleich mächtig anzieht, iſt der Aufenthalt auf dem Lande überhaupt. Jeder Städter eilt, wenn ſein Geſchäft es geſtattet, gern in's Freie, in die offenen Felder, nach einem Gehölz, oder auf einen Hügel. Auf dem Lande zu leben, iſt ſein höchſter Wunſch, den er früher oder ſpäter zu erfüllen ſucht. In den geräuſchvollen Städten wohnt man blos, um Geld und Gut zu gewinnen, und iſt dieſer Zweck erreicht, ſo verläßt man ſie, um das Erworbene in ländlicher Ruhe zu genießen. Kaum die Hälfte ihrer Einwohner wird in denſelben geboren, und eine eben ſo kleine Zahl ſtirbt darin. Sie enthalten immer den kräftigſten Theil der Nation, indem Kinder und bejahrtere Leute auf den Dörfern und den einzelnen Landſitzen leben; und eben der Umſtand, daß die meiſten Städter in einem Dorfe geboren und erzogen ſind, ſcheint der Hauptgrund ihrer Vorliebe für das Land, und überhaupt ihres hohen Sinnes für Gegenſtände der Natur zu ſein. Dieſer Charakterzug iſt am meiſten in der Lebensweiſe der vornehmen und unabhän⸗ gigen Familien ſichtbar, die ſich zwar während des Winters in London verſam⸗ meln, aber nach dem erſten freundlichen Blick der Frühlingsſonne in alle Theile des Reichs zerſtreuen, ſo daß Weſtminſter— der vorzugsweiſe von ihnen be⸗ wohnte Theil jener Hauptſtadt— ſieben Monate lang wie Auspeſtorban iſt.
Richter's Reiſen. II.


