Teil eines Werkes 
2. Band (1857)
Entstehung
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daß es der engliſchen Nation an einem allgemeinen Charakter fehle. Indeſſen kann wohl Niemand in Abrede ſtellen, daß ihr gewiſſe Grundzüge unauslöſch⸗ lich eingeprägt ſind, und daß der größte Theil Sinn für alles Gute, Große und Edle in hohem Grade entwickelt.

Obgleich der Engländer im Aeußern der herrſchenden Mode gehorcht, ſo läßt er ſich doch übrigens in der Denk⸗ und Handelsweiſe nicht beſchränken.

Er folgt nie blindlings den Anſichten und Meinungen Anderer, ſondern ſchafft

ſich immer ſeine eigenen, die ihn im Thun und Laſſen beſtimmen. Sein Frei⸗ heitſinn ſpricht ſich gleich ſtark im bürgerlichen, wie im häuslichen Leben aus. Hierin liegt es denn hauptſächlich, daß er leicht vom Gewöhnlichen ſich entfernt und auf Sonderbarkeiten verfällt, weshalb man England ſo oftdas Land der Sonderlinge genannt hat. Uebrigens mag wohl auch die Feinheit ſeines Ge⸗ fühls und die Beharrlichkeit, womit er empfangene Eindrücke feſthält, Eigen⸗ ſchaften, worüber ich weiter unten ausführlicher ſpreche, dabei mitwirken.

Der Freiheitſinn des engliſchen Volks iſt jedoch weit entfernt, nach Ge⸗ ſetzloſigkeit zu trachten. Es widerſtrebt blos dem willkührlichen Aufzwingen neuer Geſetze, und verlangt dieſe, im Fall ihrer Nothwendigkeit, durch ihre Stellvertreter ſich ſelbſt zu geben; dagegen die einmal als gültig anerkannten wie Heiligthümer betrachtet werden.

Bei den meiſten Engländern wird man bemerken, daß ſie immer mit Nach⸗ denken beſchäftigt ſind, bei jeder Handlung die Vernunft zu Rathe ziehen und eine genaue Berechnung ihrer Folgen vorangehen laſſen. Auf dieſe beſtändige Uebung des Denkvermögens iſt die Schärfe des Urtheils gegründet, die aus allen ihren Unternehmungen ſo hell hervorſtrahlt. Eben daher ſchreibt ſich auch ihre Gründlichkeit, welche zur Erweiterung der Wiſſenſchaften, beſonders der

höhern, ſo viel beigetragen hat.

Die Geneigtheit des Engländers, der Vernunft Gehör zu geben, macht ihn bereit, das Aufwallen der Leidenſchaften zu unterdrücken. Selten bemerkt man an ihm übermäßige Ausbrüche des Zorns, des Schmerzes oder der Freude; er bleibt ſich faſt in allen Verhältniſſen des Lebens gleich. Seine Seele iſt vornehmlich zum Ernſt geſtimmt, der jedoch von keinem mürriſchen Weſen, ſon⸗ dern von einer freundlichen, aus dem Bewußtſein edler Handlungen üißenden Heiterkeit geleitet wird.

Den hier genannten Eigenſchaften iſt es zuzuſchreiben, warum in Eng⸗ land z. B. die Muſtk, trotz der großen Verehrung, die ſie dort genießt, nicht die glänzenden Fortſchritte macht, wie das Kupferſtechen und alle ſolche Wiſſen⸗ ſchaften und Künſte, die mehr Scharfſinn, Genauigkeit und beharrlichen Fleiß, als leidenſchaftliches Feuer vorausſetzen. Eben ſo liegt darin der Grund, wes⸗