Teil eines Werkes 
1. Band (1857)
Entstehung
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folgen. Nach der Zurückkunft aus dem Garten fanden ſie in einem, von dem vorigen verſchiedenen Saale den Nachtiſch. aufgetragen, der in Früchten, in Zuckerwerk und Eingemachtem, ſo wie in ſtarkem Thee beſtand. An der einen Seite war der Saal ganz offen, und mit einem Austritt verſehen, auf welchem die Geſellſchaft den Abend zubrachte, um ſich an den Schauſpielen zu ergötzen, die beim Schein der Laternen auf dem Hofe aufgeführt wurden. Die theatra⸗ liſchen Vorſtellungen der Chineſen habe ich ſelbſt geſehen, und werde ſogleich mehr davon ſagen. Vorher aber füge ich noch ein paar Worte über Gaſtmahle hinzu. Schon drei Tage zuvor beginnt mittels überſchickter Zettel die Einla⸗ dung, welche den nächſten Tag, und noch eine Stunde vor dem Gaſtmahle wie⸗ derholt wird. Eben ſo läßt ſich der Wirth an den drei darauf folgenden Mor⸗ gen nach dem Wohlbefinden der Gäſte erkundigen, was dieſe jedesmal nicht nur erwiedern, ſondern auch mit einer weitläufigen Dankſagung verbinden. Für Schauſpiele ſind die Chineſen ſehr eingenommen; ohne ſie wird kein Gaſtmahl gegeben, und kein Familienfeſt gefeiert. An allgemeinen Feſttagen veranſtaltet man ſogar Schauſpiele auf öffentliche Koſten, denen Jeder unent⸗ geldlich beiwohnen darf. Die Bühnen beſtehen aus drei oder vier von einer Mauer zur andern, bisweilen quer über die Gaſſe geführten Balken, die mit Bretern belegt ſind, ſo daß man ungehindert unter dem Gerüſte weg gehen kann. Die Stücke, welche aufgeführt werden, ſind kurze, Lachen erregende Auf⸗ tritte aus der Geſchichte, oder dem täglichen Leben. Für den Europäer haben ſie nur in ſo fern einigen Reiz, weil ſie ihn einen Blick in die häuslichen Ver⸗ hältniſſe der Chineſen werfen laſſen, die er außerdem nie kennen lernt. So ſah ich z. B. die Darſtellung eines gebieteriſchen Eheherrn, welcher ſeine Gattin Anfangs mit einem Bambusſtock züchtigte, nachher aber durch ihr Schluchzen und Wehklagen ſo gerührt ward, daß er auf den Knieen um Verzeihuug bat. Ein anderer wurde von ſeinem ſtolzen und herrſchſüchtigen Weibe ſogar mit Ohrfeigen zu den niedrigſten Dienſten gezwungen. Man ſieht hieraus, daß auch die Weiber in China, trotz der tyranniſchen Gemüthsart ihrer Männer, viel über dieſelben vermögen, ja bisweilen die Herrſchaft über ſie gewinnen. Die Schauſpieler, welche meiſtens Knaben ſind, berechnen ihre Kunſt hauptſächlich auf das Gelächter der Zuſchauer, daher ſie ſich in narrenhafte Anzüge kleiden, und dieſelben nie wechſeln, ſo verſchieden auch die Auftritte ſind. Ein Talent zu komiſchen Darſtellungen kann man ihnen jedoch nicht abſprechen. Jede ihrer Handlungen geſchieht nach dem Takte der Muſik, ſie mögen ſprechen, ſingen, tanzen, fechten oder ſterben. Da es übrigens an Couliſſen und theatraliſchen Decorationen gänzlich fehlt, ſo muß die Einbildung des Zuſchauers dabei das Beßte thun, und einen Stuhl bald für einen Berg, bald für ein Haus oder einen

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