Teil eines Werkes 
1. Band (1857)
Entstehung
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Hauswirth Jeden auf ſeinen Platz. Ein Greis denn in China gebührt dem Alter jederzeit der Vorrang, erhielt den oberſten, d. i. den nächſten an der linken Seite des Wirthes. Nachdem Alle ſich geſetzt hatten, trat der Wirth vor ſeinen Tiſch, und goß mit ernſter Miene und feierlichem Anſtand etwas Wein auf die Dielen, worauf er der ganzen Geſellſchaft eine tiefe Verbeugung machte. Gleich nachher gab der Sohn des Hauſes einen Credenzteller mit Theeſchalen voll Wein herum, wobei er ſich vor jedem Gaſt auf das linke Knie niederließ. Die Chineſen nahmen ihre Schalen mit beiden Händen, hielten ſie erſt hoch empor, hierauf unter den Tiſch, und tranken ſie ſodann aus. Zu gleicher Zeit überreichten die Diener Jedem zwei elfenbeinerne, mit Silber ausgelegte Grif⸗ fel, worauf auch die Speiſen in Schalen nach einander aufgetragen wurden. Man ſchätzte ihre Anzahl auf zwanzig. Die erſte und jede fünfte waren Sup⸗ pen verſchiedener Art. Die darin befindlichen Schnecken, die Stückchen Fiſch, Krebs, Fleiſch u. ſ. w. nahm man mit den Griffeln heraus, um ſie zuerſt zu eſſen, worauf die Brühe aus der Schale getrunken wurde. Die übrigen Ge⸗ richte beſtanden meiſtens aus gebratenem, in ſo kleine Biſſen zerſchnittenem Fleiſche, daß man oft die Gattung desſelben nicht unterſcheiden konnte; daher unſere Engländer nur wenig davon genoſſen, aus Furcht, man möchte ihnen, neben dem Fleiſche von Schweinen, Hammeln, Enten, Gänſen und Hühnern, welches ſie leicht erkannten, auch das von Pferden und Eſeln, von Hunden, Katzen oder Ratten vorſetzen, welche Fleiſcharten in China für Leckerbiſſen gelten. Ein Gericht, daß ihnen den Appetit gänzlich benahm, waren gebratene, mit einem Teig gefüllte Fröſche, die man, wider die ſonſtige Gewohnheit, ganz gelaſſen hatte. Beim Zerlegen eines ſolchen Froſches verfuhren die einheimi⸗ ſchen Gäſte dergeſtalt, daß ſie ihn an den Beinen faßten, in vier Stücke zer⸗

riſſen, und dann jedes einzeln in den Mund ſteckten. Die Knochen ſpuckte man

in eine beſondere Schale. Den Beſchluß des Mahles machte Reis, ſo wie auch Thee, Arack und Wein, welcher letztere überhaupt fünfmal gereicht wurde. Die ganze Mahlzeit dauerte gegen vier Stunden. Während derſelben ſtanden der Wirth und ſein Sohn häufig vom Tiſche auf, um bei den Gäſten herum zu gehen, und ſie zum Eſſen und Trinken zu nöthigen, die ſich jedes Mal weiger⸗ ten, endlich aber tapfer zulangten. Auch wurden die Gäſte die ganze Zeit über nicht nur mit Muſik, ſondern auch von Taſchenſpielern unterhalten, die in der Mitte des Saales ihre Kunſtſtücke machten. Ein wüthender Lärm mit den Gungungs, Trommeln ꝛc. gab der Geſellſchaft das Zeichen aufzuſtehen. Der Gaſtgeber wurde mit ſchmeichelhaften Dankſagungen überhäuft, welcher dem

Herkommen gemäß, ganz beſchämt zur Thür hinaus und in den Garten eilte, wodurch er zugleich die Gäſte ſtillſchweigend aufforderte, ihm dorthin zu Richter's Reiſen. I. 3 3⁰

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