Teil eines Werkes 
1. Band (1857)
Entstehung
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Der Charakter der Chineſen iſt im Ganzen nicht lobenswerth. Ihre vorzüg⸗ lichſten Tugenden beſtehen in der Liebe zur Thätigkeit, und in dem unbedingten Gehorſam gegen die Aeltern und Vorgeſetzten. Auch iſt ihnen Genügſamkeit im Eſſen und Trinken und eine bewundernswerthe Geduld in Ertragung von Be⸗ ſchwerden eigen. Nie ſieht man unter ihnen einen Berauſchten. Ein armer Mann, welcher den ganzen Tag die ſchwerſten Arbeiten verrichtet, äußert nie Unzufrieden⸗ heit mit ſeinem Schickſal, wenn er ſich nur am Abend mit einem Topf voll Reis und einer Schale Thee erquicken kann. Gern duldet er alle Bedrückungen, wenn er ſo viel erübrigt, um ſich bei Lebzeiten einen Sarg und eine Grabſtätte erkaufen zu können. An dieſe guten Eigenſchaften reihen ſich aber auch alle die fehlerhaf⸗ ten, die von einem abergläubiſchen und ſklaviſch behandelten Volke zu erwarten ſind. Der Charakter des Chineſen iſt, wie ſeine Haͤuſer, verſteckt, und voll Winkelzüge wie die Gaſſen ſeiner Städte. Er ſucht ſein Eigenthum zu verber⸗ gen, aus Furcht von den Mandarinen darum gebracht zu werden, und ſinnt be⸗ ſtändig auf Mittel, um dasjenige, was man ihm mit Gewalt raubt, liſtiger Weiſe wieder zu erlangen. Es iſt unglaublich, wie die Menſchen in China, von den vornehmſten bis auf den niedrigſten, einander drücken und quälen. Als Beiſpiel erwähne ich nur Folgendes: Die Leute in den Fahrzeugen, welche die europäiſchen Schiffe bewachen, haben von dem Waſchen und Ausbeſſern der Kleider und Wäſche, und von andern Dienſten, die ſie der Schiffsmannſchaft erweiſen, einen beträchtlichen Gewinn. Allein, ſie müſſen mehr als die Hälfte davon ihrem Mandarin abgeben, der ſich jederzeit damit entſchuldigt, daß ſein Vorgeſetzter dasſelbe von ihm verlangt. Solchergeſtalt konnte es nicht fehlen, daß Geiz und Habſucht, Liſt, Betrüglichkeit und Mißtrauen in der Denk⸗ und Handelsweiſe der Nation tiefe Wurzeln faßten. Daher ſchreibt ſich auch ihre große Neigung zum Handel. Der gemeine Mann, welcher den ganzen Tag arbeitet, läuft am Abend durch die Gaſſen, um noch etwas zu verhandeln und Gewinn daraus zu ziehen. Die Furcht, worin die Chineſen durch die Strenge der Beamten beſtändig erhalten werden, mußte nothwendig die größte Feigher⸗ zigkeit bei ihnen erzeugen. Muth haben ſie nur bei Betrügereien und beim Diebſtahl. Wenn chineſiſche Schiffe auf der See von Stürmen überfallen wer⸗ den, ſo gerathen die Mannſchaften außer ſich vor Angſt, und erwarten unthätig und auf den Knieen liegend ihr Schickſal. Die Soldaten welche, ſo viel ich geſehen habe, bl los durch hohe Mützen ſich von den andern Ständen unterſchei⸗ den, können kaum auf dieſen Namen Anſpruch machen. Sie dienen blos zur Erhaltung der innern Ruhe. Gegen einen äußern Feind ſind ſie faſt gar nicht zu gebrauchen, was die glücklichen Einfälle der Tataren und die Kriege mit den Indiern ſattſam bewieſen haben. So wurden z. B. im vorigen