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Onkel Cäsar : Novelle / von Mme Charles Reybaud ; aus dem Französischen von Dr. C. Büchele
Entstehung
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ſobald ein Heirathsprojekt geſcheitert war, rückte der alte Notar wieder in's Feld und begann eine neue Unterhandlung. Dieß dauerte ſo fünf Jahre lang.

Im Verlauf dieſer Zeit hatte der ſchöne Cäſar unerhörte Erfolge bei den Frauen. Keine Tugend widerſtand ihm; er compromittirte mehre Mädchen von guter Familie, brachte Unfrieden in ein halb Dutzend Haushaltungen und trieb durch ſeine Treu⸗ loſigkeit eine Griſette zum Selbſtmord. Dieſes un⸗ ordentliche Leben erregte jedoch keinen Skandal. Man war ſehr nachſichtig gegen den ſchönen Jungen, die beſte Partie in der ganzen Gegend. Die Mädchen

insbeſondere, welche ihren Heirathsroman machten,

entſchuldigten alle ſeine Leichtfertigkeiten und waren blos gegen die armen Verlaſſenen ohne Mitleid.

Der Notar hatte eben ſeine zehnte oder zwölfte Unterhandlung eingeleitet, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß dieſen beharrlichen Verſuchen ein Ziel ſetzte: der Oberſt verfiel in eine Krankheit und war bald in Todesgefahr. Er war bereits ein Greis, wie⸗ wohl er kein hohes Alter hatte. Durch vieles Aus⸗ ſetzen ſeines Lebens auf den Schlachtfeldern hatte er es abgenützt, und von dem erſten Tage ſeiner Krank⸗ heit an begriff er, daß das verhängnißvolle Ziel für ihn im Anrücken war. Noch an demſelben Tag, nach einer Kriſe, die ihn ſehr geſchwächt hatte, ſprach er zu ſeinem Neffen:

Cäſar, wir haben zu viel Zeit verloren... ich bin in Gefahr, abzuſcheiden, ohne Dich verheirathet zu ſehen... das iſt für mich ſehr bedauerlich... wenn Du auch ſterben ſollteſt, käme mein Vermögen an Leute, die ich nicht kenne... das will ich nicht,