23
Verdacht, der in des Fürſten Seele aufzuſteigen ſchien, mit Würde zurückwies.
„Wie geht es der Frau Acbtiſſin?“ fragte der Kranke, während Borbonius weiter ſchrieb.
„Sie iſt in großer Gefahr.— Allein ich werde ſie nicht wieder beſuchen“, antwortete Borbonius ſehr ernſt.
„Wie das? lieber Doctor!“
„Ich darf das Ew. Durchlaucht nur allein anver⸗ trauen“, entgegnete dieſer und wandte ſich zugleich mit dem Freimuth eines Mannes, der ſich ſeines Werths und ſeines Rechts bewußt iſt, zu Martiniz.„Entſchuldigen Ew. Gna⸗ den, daß ich dies frei herausſage; allein die Gefahr iſt dringend!“
„O, lieber Obriſtburggraf“, begann der Fürſt, den das Gefühl ſeiner eignen ernſtlichen Krankheit ganz dem Arzt unterwarf, im bittenden Ton.
„Ich gehe ins Nebenzimmer“, unterbrach ihn Martiniz nicht ohne Empfindlichkeit, aber doch raſch bereit;„an einem Krankenbett gibt es nur Einen, der befiehlt“, ſetzte er mit einem ſcharfen Blick auf Borbonius hinzu, der zu ſagen ſchien:„Ich weiche dir hier, aber anderwärts wirſt du von mir abhängen.“
Borbonius winkte auch dem Diener, der im Hinter⸗ grunde ſtand; dieſer verließ gleichfalls das Zimmer.
„Ew. Durchlaucht“, ſagte der Arzt jetzt bewegt und feier⸗ lich zu dem Fürſten,„ich muß, von meinem Gewiſſen gedrängt, eine Bedingung daran knüpfen, daß ich die Aebtiſſin wieder beſuche. Sie iſt ſchwer krank; allein ich habe eine noch Kränkere im Kloſter entdeckt.— Eine arme Gefangene!“ Er hielt inne, ob der Fürſt antworten werde. Doch die⸗ ſer ſchwieg.„Die Unglückliche iſt von Leiden der Seele und des Körpers ganz erſchöpft. Ich begegnete ihr, als ſie


