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„Bewahre mich in Gnaden“, betete der Alte ſeinen Spruch.„Wenn ich ihn ſehen müßte, würde ich wol nicht viel Andres mehr auf dieſer Welt ſehen!“
„Nun ſo ſage uns doch, wer hat ihn denn geſehen?“ fragte Winfried, der in ſeinen Zweifeln wankender wurde. „Wir ſind noch nicht lange genug im Dienſt des Grafen und in der Burg, um alle die Geſchichten zu kennen, die ſich ſeit hundert Jahren und darüber hier zugetragen haben ſollen!“
„Ich bin hier geboren, und mein Vater und Großvater auch“, antwortete Guntram.„Wir wiſſen wohl, was ſich hier zugetragen hat, wenn's auch lange geheim gehalten worden iſt!“
„Und dürfen wir's nicht wiſſen?“ fragte Wolf.
„Erzähle, Alterchen“, bat Winfried, und hielt ihm das Trinkgefäß hin.
„Der ſelige Herr Graf“, ſagte der Alte geheimnißvoll, „hat ihn auch geſehen! Sieben Tage vor ſeinem Hin⸗ ſcheiden war es. Der Herr war friſch und geſund; war in den Forſt geritten, auf die Wolfsjagd im ſpäten Novem⸗ ber. Als er zurückkommt, war's Nacht geworden; der Mond ſchien zwar, ſtand aber hinter Wolken. Bei der letzten Biegung, die der Weg zum Berg hinauf macht, ſcheut ſein Pferd und will nicht vorwärts. Er gibt ihm die Sporen. Es bäumt ſich und tanzt auf den Hinterfüßen. Plötzlich erhebt ſich an dem ſchwarzen Fichtengebüſch vor ihm, wo dazumal ein ſteinernes Crueifix ſtand, eine Mönchsgeſtalt; ein uralter Greis mit ſilbernem Haar und Bart, bis an den Gürtel, der auf den Knien gelegen und vor dem Kreuz gebetet hatte. Das Pferd ſtand mit den Vorder⸗ füßen in den Schnee geſtemmt, wie angewurzelt, zog Hals
und Kopf zurück, ſchnob aus den Nüſtern und ſeine Mäh⸗ 1


