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„Es war am dritten Tage, nachdem die Gräfin Thurn mit der jungen Gräfin hier eingezogen iſt“, hub Guntram an.„Das Wetter war noch nicht ſo ſchlimm als jetzt; es lag zwar Schnee und wir hatten hübſchen Froſt, aber heitren Himmel bei Nacht und Mondenſchein. Da hielt ich meine Wachtrunde um Mitternacht ab, und als ich über den Burghof ſchaue nach der Mauer, wo die böſe Kunigunde...“
„Ach! bringſt du die alten Märchen wieder auf?“ un⸗ terbrach ihn Winfried,„dann wirſt du uns auch wol von dem Mönch erzählen, und die Geſchichte mit dem Lamm, das der Wolf in der Küche fraß?“
„Das nennt ihr Märchen?— Mein Großvater ſelbſt...“
„Hat die ſtolze Kunigunde gekannt?“ ſcherzte Winfried lachend.
„Ich mag gar nicht mit euch reden, wenn ihr ſo un⸗ gläubig ſeid und ſo frevelhaft ſpottet“, rief der Alte zür⸗ nend.„Ich bin nicht der Mann, der Scherz treibt mit Dingen, wo mir's kalt über den Rücken läuft.“
„Laß ihn doch ruhig erzählen, was ihm begegnet iſt“, ſagte Wolf.
„Kurz und gut“, behauptete der alte Guntram,„ich habe die weiße Frau geſehen. Auf der Mauer ging das Geſpenſt langſam hin und verſchwand in dem Eckthurm.“
„Und das wollte dir der Graf nicht glauben?“
„Nein!“
„Hm! Ich kann mir's denken!“ meinte Wolf.—„Und in verwichener Nacht...?“
„Hab' ich ſie wiederum geſehen, auf der nämlichen Stelle.“
„Haſt du ſie nicht angerufen?“ fragte er weiter.


