Ein Windſtoß, der plötzlich mit hohlem Sauſen den Thurm faßte, daß die Fenſter klirrten und der Wetterhahn laut kreiſchte, unterbrach ſeine Worte.
„Heiliger Gott!“ rief er erſchreckt emporfahrend und bekreuzte ſich abermals.
„Alter!“ rief Winfried und faßte ihn bei der Schulter, „fährſt du auch noch zuſammen, wenn der Wind den mor⸗ ſchen Thurm ſchüttelt? Biſt du das in deinen ſiebzig Jah⸗ ren noch nicht gewohnt geworden?— Nun ſetz' dich wie⸗ der und erzähle, was hat's gegeben vor acht Tagen und in voriger Nacht?“*
Der Alte legte den Zeigefinger der linken Hand auf den Mund und ſprach kaum hörbar, während er ſich ängſtlich nach beiden Seiten umſah:„Die weiße Frau hat ſich gezeigt.“
„Narretei!“ fuhr Wolf heraus.„Das mögt Ihr der alten Barbara weismachen!“
„Das wäre deine Sache“, ſpöttelte Winfried, der auch ziemlich ungläubig war.
„Bewahre mich in Gnaden,
Mein Schutzpatron, vor Schaden!“ ſprach der Alte fromm.—„Seid doch nicht ſo ganz ſcham⸗ los und gottlos! Seht ihr, das iſt der neue Glaube! Ihr habt keine Scheu und Gottesfurcht mehr!“
„Keine Geſpenſterfurcht, alter Guntram“, ſagte Wolf ernſthaft.„Aber erzähle endlich was dir begegnet iſt!“
„Ja, fang' an“, ſagte auch Winfried;„ich glaube zwar nicht ſo recht an Geiſtererſcheinungen; doch erzählen laſſe ich mir gern davon. Beſonders im warmen Thurmſtübchen, wenn draußen der Wind ſo heult— hört einmal!— ordentlich als ob er die Orgel ſpielte!— und wenn der Schnee ſo umwirbelt wie jetzt, daß man im Walde nicht von Baum zu Baum ſehen kann!“


