Teil eines Werkes 
4. Band, 2. Abtheilung (1858)
Entstehung
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Durch einen ſchweren Hieb auf den Helm betäubt, war er in dem letzten mörderiſchen Kampf um die Ehre des böhmiſchen Namens vom Pferde geſunken. Lange hatte er bewußtlos unter den Leichen gelegen. Erſt mit dem Dunkel des Abends kehrte ihm das Licht des Bewußtſeins zurück. Die muthige Jugend⸗ kraft zuſammenraffend, keine Erſchöpfung achtend, mit ſpä⸗ hender Liſt den glücklichen Augenblick erhaſchend, jeden Vor⸗ theil nutzend, hatte er, nachdem er ſich mit der Feldbinde eines getödteten Hauptmanns eine leichte Wunde verbunden, unter dem Schutz der Nacht einen Pfad geſucht durch die Blut⸗ und Leichenſtätten des Schlachtfeldes. Sich mühſam fort⸗ ſchleppend und, wo ihm Feinde entgegenſchwärmten, oft ge⸗ nöthigt, ſich wieder anſcheinend leblos auf den Boden hin⸗ zuſtrecken, war über die Hälfte der Nacht vergangen, bevor er in die Nähe des Reichsthores gelangte. Vor dieſem, einige Hundert Schritte vor den Wällen, lagerte der Feind; Wallenſtein's und Tilly's Reiter hauptſächlich, die am wei⸗ teſten in der Verfolgung vorgedrungen waren. Zwiſchen ihnen und den Mauern Prags blieb ein unbeſetzter Raum, weil die Belagerer ſich nicht dem Feuer von den Wällen und aus den Schießſcharten des geſperrten Thores ausſetzen wollten. Ueber dieſen Raum unbemerkt, oder ſo eilig, daß man ihm nicht folgen könne, hinweg zu gelangen, das war die einzige Rettung für den jungen Helden. Verwegen wie Ulyß, da er die Roſſe des Rheſus raubte, ſchlich Thurn ſich an einen Kreis von Reitern, hinter dem ihre Pferde, an Piketpfähle gebunden, theils ſtanden, theils gelagert wa⸗ ren. Er täuſchte die halb ſchlaftrunkenen Wachtpoſten, in⸗ dem er kecken Schrittes zwiſchen die Pferde trat, als ſei er dazu befugt. So löſte er eins derſelben glücklich ab, zog es aus der Reihe, ſchwang ſich auf und ritt hart, aber langſam, anſcheinend ruhig, an den Gelagerten hin, um die