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„Dieſer ſchwere Argwohn iſt die Frucht ſeines Schuld⸗ bewußtſeins“, ſeufzte Lippach und dachte an die Tage leicht⸗ fertigen Taumels, und an den hochmüthigen Eifer gegen die Heiligthümer des Volks.
„Und wenn der König flieht, worüber unterhandelt er mit dem Herzog?“ fragte Eliſabeth,„bedarf der Flüchtende einer Unterhandlung?“„
„Nur der Zeit zur Flucht! Und ſie iſt gewonnen, denn morgen erſt“— bitterſter Hohn zog ſich um Thurn's Lippen—„werden die Thore der unüberwindlichen Stadt dem Herzog geöffnet. Morgen erſt!“
„O Gott!“ rief die Gräfin und barg das Haupt an Thurn's Bruſt.
„Was alsdann unſer Los ſein würde? Was Ma⸗ thias Thurn zu erwarten hätte— ſoll ich es dir erſt ausſprechen?— Die Zeit drängt, Eliſabeth! Dieſe acht Stunden ſind auch uns geſchenkt! Der König flieht noch in dieſer Nacht. Auch uns bleibt nichts Andres mehr! Der Fluch der Verbannung iſt unſer nächſtes Geſchick. Beeilt euch denn zur Flucht. Ehe der Tag anbricht, muß Prag weit hinter euch liegen!“
Worte hatte Niemand,— kaum Thränen! Grabesſtille herrſchte im Gemach.
„Ihr geht nach Schleſien“, unterbrach ſie Thurn endlich, „Böhmen hat keine ſichere Stätte mehr für euch.“
„Wie?“ fragte Eliſabeth von einer Ahnung durchſchauert, „wir gehen nach Schleſien?— Und du? Sollen wir uns von dir trennen?“ Die letzten Worte waren ein Angſtruf.
„Ich muß beim Könige bleiben; auch er will nach Schleſien. Doch die Flucht mit ihm würde für euch zu be⸗ ſchwerlich und nicht ohne Gefahr ſein.“ Er ſprach dieſe letzten Worte mit einem Blick auf Thekla.
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