Teil eines Werkes 
3. Band, 1. Abtheilung (1858)
Entstehung
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lichen und doch ſo anmuthigen Wohnſitz ſeiner Väter mit einem noch ſtolzern, mit dem königlichen Prag vertauſchen! Er fragte ſich:Wann wirſt du es wiederſehen? Hätte er ſich ſagen können, wie er es wiederſehen würde!

Mit innerer Unruhe und äußerer Haſt wechſelte er die Kleider. Als es geſchehen war und der Kämmerer mit dem über den Arm geſchlagenen Reiſemantel vor ihm ſtand, ver⸗ fiel der Kurfürſt in ein tiefes Nachſinnen.Laß mich allein, ſagte er zu dem Diener;geh' hinüber zur Frau Kurfürſtin und melde ihr, ich würde in wenigen Minuten bei ihr ſein!

Der Kammerdiener ging.

Das Gemach, in dem der Kurfürſt ſich befand, lag in einem der Eckthürme des Schloſſes, in demjenigen zunächſt der Stadt, der faſt unmittelbar auf dieſe niederſchaute. Friedrich trat in das tief in die Mauer einſpringende Fenſter und blickte hinaus. Im milden Nachmittagsſonnenlicht lag das Bild der Landſchaft vor ihm. Er hatte es ſo oft geſehen; nie hatte es ihn ſo warm wieder angeſchaut. Ihm war es, als ſolle er von einem alten Freunde, von einem lieben Jugendgeſpielen Abſchied nehmen. Mit verſchränkten Armen ſtand er am Fenſter. Die Berge waren ſo ſonnig ange⸗ ſtrahlt! Drüben jenſeit des Neckar, am Fuße des Heiligen⸗ berges regte ſich noch das fröhliche Leben der Weinleſe. Der Geisberg zu ſeiner Linken, die Waldhöhen des Jettenbühels, worauf die Trümmer des alten, verlaſſenen Schloſſes zwiſchen düſtren Fichten hervorragten, tauchten ſich in dunkle Schatten; doch ein goldiges Licht ſpielte um die Ränder der Höhen und blitzte durch das gelichtete, bunte Herbſtlaub des Waldes, das die Gipfel krönte. Die Stadt war ſtill geworden; er konnte faſt in jede Gaſſe hinabblicken; das feſtliche Leben des Vormittags war vorüber, die meiſten