Funßzehntes Capitel.
Es war in der Mitte des October. Das ſchöne Hei⸗ delberg prangte in ſeinem ſchönſten Schmuck; denn den Fuß der Berge bedeckte das abwechſelnd dunkelgrüne, funkelnd gelbe und purpurrothe, im Sonnenſtrahl leuchtende Laub der Reben, während dazwiſchen hindurch die goldgrünen oder dunkelblauen Trauben ſchimmerten. Auf den Höhen und an den nördlichen Bergabhängen aber wogte der herbſt⸗ liche Wald in noch bunterem Gemiſch der Farben. Die Sonne war mild, und der blaue Himmel bildete den kla⸗ ren Hintergrund zu den ſanft geſchwungenen Linien der Berge, den ſtolzen Zinnen und Thürmen des Schloſſes. Die Stadt mit ihren weißen Häuſern lag hell im Schoos des fruchtbaren Thales, und der Neckar rauſchte ſchäumend an ihr vorüber. Es war die Feſtzeit der Traubenleſe, wo die ſchwere, ſo manches Jahr vergebliche Mühe und Arbeit des Winzers ihren Lohn empfängt durch die ſchönſte Gabe, mit der die fruchttragende Erde den Menſchen beſchenkt. Wer weiß es nicht, wie zu dieſer Zeit am prächtigen Rhein⸗ ſtrome, ſowie an allen ſeinen ſchönen Nebenflüſſen, deren Ufer ſich mit Rebenhügeln kränzen, alles Leid und alle Sorge vergeſſen iſt in der Aufſammlung des reichen Jahresſegens, der in der goldhellen Traube glänzt, in der purpurnen glüht und im Becher mit ſchäumendem Moſt ſilbern blitzt!— Rings in den Weinbergen erſchallte fröhliches Leben. Friſch⸗ wangige Mädchen mit bebänderten Hüten ſchnitten die Trau⸗ ben; andere ſammelten ſie in Körben oder auf vielfach aus⸗


