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kleine Laterne in der Hand.„Wir müſſen dort hinein, der Eingang iſt auf der Kirchſeite.“
Indem ſie ſo über den Platz gingen nach der Kirche zu, ſagte der Pförtner zu Reubner:„Ihr habt gut gethan, Gevatter, Mäntel umzunehmen, obgleich die Nacht lau iſt; denn droben pfeift der Wind, das kann ich Euch ſagen. Ihr nehmt mir's doch nicht übel, werther Herr“, fuhr er zu Tharradel gewendet fort,„wenn ich mich dicht einknöpfe und das Tuch vor den Mund binde? Denn im Steigen muß man ſchweigen, ſagt das Sprichwort, und meine zweiundſechzigjährige Lunge verlangt Schonung.“
„Schont ſie nur, ſchont ſie nur, Alter“, antwortete Tharradel;„ich bin zufrieden, wenn Ihr mir droben Ant⸗ wort auf meine Fragen gebt.“
„Ja, droben und abwärts! da geht's anders“, entgeg⸗ nete der Pförtner und kündigte hiermit gewiſſermaßen an, daß er den Aufenthalt auf dem Thurm und den Rückweg durch eine lebhafte Unterhaltung zu verkürzen gedenke.
Reubner, der, ohne auf ſeines Gevatters Geſchwätz zu achten, einige Schritte entfernt auf der Seite ging, konnte ſein Auge von dem ehrwürdigen Münſter nicht abwenden. Er ließ den Blick vom Fuß bis an die Spitze des Thurms langſam aufwärtsgleiten. Ein ehrfurchtvolles Staunen erfüllte ſeine Bruſt über den kühnen wunderbaren Bau. Wie ein Felsgebirge mit ſchroffen Zacken ſtand die ſchwere dunklere Maſſe des Kirchengebäudes da, und über ihre mäch⸗ tige Höhe hinaus ſtieg der Spitzpfeiler des Thurms ſchwin⸗ delnd empor. Das Gewölk zog, vom Morgenwinde raſch bewegt, über die Spitze dahin, daß es ſchien, als ſchwanke ſie ſelbſt und drohe den Umſturz.„Stürzen wirſt auch du einmal“, murmelte Reubner vor ſich hin,„aber heut und ein paar Jahrhunderte darüber wirſt du wol noch halten.“


