Teil eines Werkes 
2. Band, 1. Abtheilung (1858)
Entstehung
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Bergkegel erhob, der die Burg trug. Es war im Roſen⸗ monat, und ſie blühten in allen ſonnigen Mauereinſprüngen, theils an Spalieren, theils in Sträuchern und ſchlanken an Stützen gebundenen Bäumchen, die ihnen den Reichthum ihrer mit Hunderten von Blüten überſäeten Kronen tragen halfen.

Dein Auge richtet ſich immer nach Süden, Thereſe, wandte ſich Thekla zu ihr,und doch hemmen die hohen Waldberge den Fernblick.

Soll nicht dennoch mein Auge meinem Herzen folgen? antwortete ſie, mit wehmuthtrübem Blick.Dort weilt Er, der der Träger und das Licht meines Lebens iſt. Ich weiß, daß ſein Herz und Auge ebenſo hierher ſchweifen. Vielleicht begegnen wir uns.

Ich begreife Thereſens Empfindung vollkommen, ſagte die Gräfin.Die Ehe verdoppelt alles Glück und theilt alles Leid. Darum iſt die Sehnſucht ſo groß bei der Tren⸗ nung. Wir ſind in unſerm Glück auf die Hälfte beſchränkt, in unſern Sorgen aber zwiefach belaſtet!

So iſt es, beſtätigte Thereſe lebhaft.

Mein Blick ſucht in der Ferne am liebſten die Erin⸗ nerungen, ſprach Thekla.Darum wende ich meine Augen gern dort hinüber nach Weſten, wo wir den verwichenen Sommer in der romantiſch ſchauerlichen Einſamkeit zu⸗

brachten. Säheſt du nicht auch gern die fernen Züge des

Erzgebirges, wo deine Jugend blühte, Thereſe?

Wohin könnte ich ſehnſuchtsvoller blicken, antwortete Thereſe warm;und auch dort wird meine Seele Xaver begegnen. Wo unſere Jugend keimte, unſere Liebe die erſten Knospen trieb wo das heilige Grab ſich eingeſenkt hat, zu dem wir wallfahrten müſſen!

Die Worte verſagten ihr in der innerſten Bewegung, die ſie ergriff.