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„Gebe Gott, daß ihr Arm ſtark, ihr Wille feſt genug ſei, ihm die Thore zu öffnen“, entgegnete Thereſe ebenſo ernſt als zuvor.„Tauſende von Herzen ſchlagen für dieſen Wunſch in Oeſterreichs Hauptſtadt, und zagen jetzt noch unter dem ſchweren Druck, der ſie belaſtet! Der Himmel ſende ihnen Erfüllung und Erlöſung!“
„Und hoffſt du ſie nicht“, fragte Thekla.
„Einſt wird ſie Allen, die geboren ſind, die geathmet haben! Doch viele lange, ſchaurige Nächte trennen uns vom goldenen Tage der Verheißung!“
„Aber ſie wechſeln mit ſonnenhellen Tagen des Troſtes und der Freude, Thereſe“, entgegnete Thekla warm.
„Gewiß, denn des Himmels Hand iſt mild und reicht den Balſam zu den Wunden, die ſie ſchlägt“, waren There⸗ ſens ſanfte Worte der Erwiderung, während ſie ſich be⸗ mühte mit einem freundlichen Lächeln den Zügen Thekla's zu begegnen, aus denen die rein beglückte Seele leuchtete.—
Auch Thereſens Bruſt hatte ſich freier, höher, bewußter
gehoben, auch ſie war gewachſen in dem Jahre voll großer Erlebniſſe; allein die dunklen Schwingen, die ihre ernſte Seele emportrugen, umſchatteten das Leben finſtrer und tiefer.
„Laßt uns zuſammen einen Gang durch den Garten machen“, unterbrach die Gräfin das Geſpräch Beider.„Er ſteht in der ſchönſten Roſenblüte. Das iſt wenigſtens eine Freude, deren wir gewiß ſind.“——
Sie gingen in den kleinen innerhalb der Burgmauern belegenen Garten hinab, der ſein lichtes Grün im Vorhof wie in dem Hauptraum der Veſte um das Grau ihrer alten Thürme zog, und den zackigen Linien der Mauern und des Höhenrandes folgte, von dem man in das ſteile, tiefe, waldgrüne Thal hinabſah, aus deſſen Mitte ſich der


