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den kirchlichen Segen zum freien Bunde. Dem Kinde wird die heilige Taufe nicht mehr verſagt. Und doch iſt es kaum ein Jahr her, daß ſelbſt das Grab den Unſern verſchloſſen wurde, das jetzt die Todten ſtill in ſeinen Frieden auf⸗ nimmt!“
„Thekla“, ſagte die Gräfin ſanft lächelnd,„wie biſt du gewachſen in dieſem einen Jahr!— Ja, du haſt Recht, es ſind Früchte gereift. Du ſelbſt! Die ſchüchterne Roſen⸗ knospe des vorjährigen Juni, wie voll blüht ſie im dies⸗ jährigen!“
Mit verſchämtem Erröthen küßte Thekla der Mutter die Worte von den Lippen weg.„Ja, ich fühle es, ich bin gewachſen in dieſem Jahre“, begann ſie nach einigen Augen⸗ blicken ſinnenden Schweigens; nes iſt mir, als hätten ſich die Flügel meiner Seele entfaltet, theuerſte Mutter. Ich bin ja aber auch“, ſetzte ſie mit lächelndem Halbſcherz hinzu, „aus der ſchüchternen Knospe, wie du mich nennſt, aus einer ſchüchternen ſechzehnjährigen, laß mich ſagen, eine ſiebzehnjährige erwachſene Jungfrau geworden!— Ich denke, meine Mutter“, fuhr ſie ernſter fort,„eine ſo große Zeit ergreift auch gewaltiger. Bis dahin war ja Alles für mich nur tändelndes Spiel im Leben; jetzt wird Alles ernſte That!“
„Allzu ernſte!“ ſeufzte die Gräfin.
„O, nein, Mutter!“ bat Thekla.„Trage nicht auch ein ſo beſorgliches Herz in der Bruſt, wie Die dort im Garten! Ich bin faſt erzürnt auf Thereſe!“ ſie deutete mit der Hand hinunter, wo dieſe zwiſchen den Gebüſchen, welche unterhalb der von Schießſcharten ausgezackten Mauern und Gebäude des Vorhofs einen kleinen Garten bildeten, ſtill vor ſich hinwandelte,—„denn Thereſe iſt es doch, deren trübe Gedanken dich mit ergreifen!“


