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dem Fenſter gegenüber ſtand, wie bei vielen Utraquiſten, die das Kreuz und die Heiligen zu verehren nicht aufgehört hatten, ein Crucifix; das beſtrahlte die Sonne gerade mit ihrem Purpur, ſodaß es wie von einem Heiligenſchein um⸗ floſſen war. Alle wurden unwillkürlich ergriffen von die⸗ ſem göttlichen Zeichen. Die Mutter ſank auf die Knie und blickte mit gefalteten Händen andächtig zu dem Heiland auf. Vater und Sohn knieten neben ihr; Xaver faltete auf ſei⸗ nem Lager fromm gerührt die Hände.
Heilige Stille und goldiger Duft umwebte die Be⸗ tenden.
Siebzehntes Capitel.
Die Gräfin Thurn ſaß mit ihrer Tochter in einem Ge⸗ mach der Burg Karlsſtein, deſſen Fenſter in den kleinen Garten des Vorhofs hinausgingen; ſie hielt einen Brief, den ſie ſoeben empfangen hatte, in der Hand. Ihr feuchtes Auge blickte nachdenklich vor ſich hin.
„Seltſam, meine gute Mutter, je glücklicher die Nach⸗ richten werden, je beſorglicher wirſt du!“ ſprach Thekla und ſtand von ihrem Tiſch am Fenſter auf, wo ſie mit weiblicher Arbeit beſchäftigt war, ging auf die Mutter zu, legte den Arm um ihren Nacken und küßte ſie.
„Ja, meine Tochter“, antwortete die Gräfin,„es ſchwin⸗ delt mir bei dieſem Glück! Ich bin nicht geboren, auf ſtei⸗ ler Höhe zu wohnen! Die Ruhe der Thäler iſt mir immer lieber geweſen. Dein Vater ſteigt mir zu hoch; ich zittere ſtets vor dem Sturz von dieſem ſteilen Gipfel!“


