205
Eine ſüße Beklemmung erfüllte Thereſens Bruſt bei dieſer ſo milden, troſtreichen Begrüßung. Ihre eigene edle Geſinnung ließ ſie die der Gräfin um ſo tiefer empfinden. Die Worte verſagten ihr, ſie vergoß ſanfte Thränen.
„Faſſe dich, liebe Thereſe“, ſagte ihr Vater tröſtend; „vergebt ihr nur, gnädigſte Gräfin! Sie iſt gar zu be⸗ wegt, wir haben zu Schreckliches erlebt, was ihr noch im⸗ mer in Herz und Sinn liegt und ſie ſo weich und unruhig macht.“
Auch der Gräfin drangen die Thränen ins Auge; ſie bezwang ſich kaum.
„Dies iſt der Vater und dies der Verlobte unſerer Pflegebefohlenen“, nahm Thurn das Wort, und führte Beide der Gräfin zu;„wackere Männer, die mir treu zur Seite geſtanden haben und ferner treu zur Seite ſtehen werden!“
„Ich will dieſem lieben Mädchen zu vergelten ſuchen, was ſie dir thun“, antwortete Eliſabeth und nahm There⸗ ſens Hand.
„Ich habe nicht Worte, Frau Gräfin, Euch für ſolche Aufnahme zu danken“, ſagte jetzt Thereſe, die ihre Faſſung wieder gewonnen hatte;„laßt mich verſuchen, es künftig durch meine Handlungen zu thun!“
„Wir werden uns gegenſeitig viel Liebes thun können“, antwortete die Gräfin;„meine Tochter Thekla wird in dir eine ältere Freundin finden; ſie iſt erſt ſechzehn Jahre!— Darf ich unſere Pflegebefohlene ſogleich zu Thekla hinüber⸗ führen?“ wandte ſich Eliſabeth zu Thurn;„ich muß dich nothwendig allein ſprechen!“
Thurn bejahte.„Ihr dürft darum noch nicht Abſchied nehmen“, ſagte er, da Thereſe, offenbar in der Beſorg⸗ niß, es ſei ſchon der Augenblick der Trennung gekommen,


