Teil eines Werkes 
17. Band = Neue Folge, 5. Band, Erzählungen : 3. Theil (1847)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

ſen ſei. Es ſchien ihr ſelbſt darum zu thun, dieſe Ge⸗ rüchte unbeſtimmt und dunkel zu laſſen, denn ſie wich jeder noch ſo entfernten Frage, welche ihre früheren Schickſale berührte, entſchieden, doch mit Gewandtheit aus und wollte die auffallende Erſcheinung, daß ein ſo junges, wahrſchein⸗ lich unvermähltes weibliches Weſen ganz als eigene Herrin ihres Thuns daſtehe und ſich eine Freiheit der Lebensver⸗ hältniſſe gebildet habe, auf die nur der Mann Anſprüche zu haben glaubt durch Nichts erklären, als durch die Natur ihres Weſens, die oft noch räthſelhafter war als ihre äußerliche Lage.

Von dem erſten Tage an, wo ſie luſtwandelnd auf dem Molo erſchien, hatte der ganz eigenthümliche Reiz ih⸗ rer Erſcheinung unzählige jüngere und ältere Nobili gefeſſelt. Alle hatten ſich ihr zu nähern verſucht, ſie aber hatte mit ungebundenſter Willkür Dieſen aufgenommen, Jenen zurück⸗ gewieſen, Jenem Freundliches geſagt, Dieſen verſpottet, mit Einem nur ernſt und, wie es ſchien, tief bewegt, geſprochen, mit dem Andern nie etwas Anderes gethan, als geſcherzt

und gelacht. Doch hatte ihr Scherz oft etwas Bitteres, nicht gegen einzelne Perſonen, ſondern gegen die Welt über⸗

haupt. Auf jede Weiſe aber lockte und zog ſie unwider⸗ ſtehlich an, wen ſie wollte, und es war weniger ihre Schön⸗ heit, durch welche ſie ſo viele Verehrer feſſelte, als dieſes wunderbar phantaſtiſche Weſen, das ſich auch in ihrem ganzen äußern Erſcheinen, am zarteſten aber in den Zügen ihres Antlitzes, in dem wechſelnden Strahle ihres Auges ausſprach, welches bald lächelnden Glanz der Heiterkeit, bald zarten Schimmer der Wehmuth zurückſpiegelte, oft aber auch in dunkler, ſchwärmeriſcher Glut, ja im tiefbren⸗ nenden Feuer der Leidenſchaft aufflammte. So ſchien es Jedem, der mit ihr umging, als ſei Das, was man von