Erstes Capitel.
Seit zwei Monaten erregte in Venedig ein Mädchen eben ſo durch ihre unerklärten, ganz eigenthümlichen Lebensver⸗ hältniſſe, wie durch ihren Geiſt und ihre Schönheit allge⸗ meines Aufſehen. Sie nannte ſich Roſaura, war auf ei⸗ nem griechiſchen Schiffe aus Conſtantinopel gekommen und hatte ſich Venedig zum Wohnorte gewählt. In ihrer Be⸗ gleitung befand ſich eine Alte, die man, außer in der Frühmeſſe von San Marco, nirgends zu ſehen bekam, und eine artige Zofe, Namens Lucie, welche nicht abgeneigt war, ein Geſchenk anzunehmen, um den jungen reichen Nobili von Venedig, die von dem Reize Noſaurens gefeſſelt wa⸗ ren, den Zutritt zu ihrer Gebieterin zu verſchaffen. Dies war Alles, was man in der Stadt wußtez deſto mehr aber wollte man wiſſen, deſto ſeltſamere Gerüchte trugen ſich umher. Nach einigen war Noſaura eine griechiſche Für⸗ ſtin, die ihrem grauſamen Gemahl entflohen ſei; Andere behaupteten, ſie ſei nicht vermählt, ſondern habe nur die Flucht ergriffen, um einem verhaßten Ehebande zu entgehen, zu dem ihr Vater ſie zwingen wollte. Noch Andere hatten die Vermuthung aufgeſtellt, ſie ſei dem Harem des Großherrn entflohen, wohin ſie von Corſaren geraubt, verkauft gewe⸗ 1*


