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Der Major aber ſtand wie ein Steinbild; ſein Haar ſträubte ſich empor, Schweiß trat in großen Tropfen auf ſeine Stirn und Blut von einer Streifwunde, die er durch eine Piſtolenkugel am Haupt erhalten und bis jetzt noch nicht beachtet, ja kaum bemerkt hatte, rieſelte ihm über die blaſſe Wange. 2
„Gertrud!“ begann er endlich mit hohler Stimme,„Du — lebſt noch? Willſt Du mich umbringen laſſen durch Deine Söhne?“
„Meine Söhne— meine Söhne— wo, wer?“ ſtam⸗ melte ſie und blickte irr umher.
„Du kennſt ſie nicht!— Allmächtiger Gott!“ ſprach er erſchüttert.„Ja, ja, Ihr Beide, die Ihr vor wenigen Mo⸗ naten in meiner Gewalt waret, Ihr ſeid meine Söhne, ich erkannte Euch an Eures Namens Buchſtaben, die ich Euch mit dem Tag Eurer Geburt ſelbſt in den Arm geätzt und mit Pulver eingerieben. Gertrud wird's bezeugen!“
Sie konnte nur ſtumm weinen und zitterte, erblaſſend, am ganzen Körper.
„Was? Wir ſind Brüder? Brüder!“ ſtammelten dieſe und ſahen einander bebend an. Gotthelf warf den Mantel zu Boden, riß ſich den Pelz ab und ſtreifte den Aermel auf:„Haſt Du ſolch' Zeichen auf dem Arm, Waldmann?“ rief er und deutete auf die Buchſtaben.
„Ja, ja!“ rief Waldmann in Jubel und Thränen, „E. L. den 23. October 1742.“—„Und ich F. L. den 5. Auguſt 1741.“ fiel Gotthelf ein.
„Mein Ernſt, mein Franz“ weinte Gertrud,„Eure Geburtstage, ja, Ihr ſeid meine Söhne, mein Mutterherz erkannte Euch!“
Jetzt war auch Kathy eingetreten und ſah, was vor⸗ ging. Sie war bleich und zitterte, denn mit gebundenen


