— 298—
abgeneigt, nach Berlin zu ziehen, wozu Gotthelf ihr niit dem geheimen Wunſche, daß ſie Annchen dahin führen möchte, durch ſeine Erzählungen mehr und mehr Luſt zu machen ſuchte.
Während er eines Tages eifrig über dieſen Gegenſtand mit ihr ſprach, war Waldmann ſtill hinausgegangen; ihn drückte Unmuth und Trauer, ſein Herz hing an Annchen und er ſah nicht, wie er ſie gewinnen könne, da er arm und fremd im Lande war und auch Gotthelf ſeit den letz⸗ ten Wochen nicht mehr davon ſprach, daß ſie in Berlin ein Gewerbe anfangen wollten. Die Liebe war zwiſchen ihre Freundſchaft getreten. Jeder wünſchte den Andern ent⸗ fernt, damit er ihm auf dieſem Pfade nicht hinderlich ſei. So ſtand Waldmann traurig in der Thüre des Hauſes und ſah die funkelnden Sterne an. Plößlich fühlte er eine Hand auf ſeiner Schulter und eine freundliche Stimme ſprach:„So in Gedanken?“— Es war Annchen. Er erſchrak faſt, ſo unvermuthet war ſie zu ihm getreten. Doch ergriff es ihn mit unwiderſtehlicher Macht, er faßte des Mädchens Hand, drückte ſie innig und ſprach mit weicher Stimme:„Ja, ja, in bangen, traurigen Gedanken!“ Da fühlte er den leiſen Gegendruck des Mädchens und nun faßte er Muth zu der Frage:„Annchen, biſt Du mir gut?“—„O, recht von Herzen!“ erwiderte ſie unſchul⸗ dig und drückte ihm nochmals die Hand. Jetzt war es ihm, als müſſe er ſie an ſeine Bruſt ziehen, doch ſie entzog ſich leicht ſeiner Hand und ſprach freundlich:„Seid nur wie⸗ der gutes Muths, Gott macht Alles wohl!“
Mit dieſen Worten ging ſie ins Gaſtzimmer.
Waldmann aber war es, als müſſe ihm die Bruſt zer⸗ ſpringen, ſo wallte ſein Blut; er wußte nicht, ſollte er wei⸗ nen oder beten oder jauchzen und er mußte Alles zugleich.


