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nach dem Willen ihres Oheims in London zubrachte, hatten ſie ſich nicht geſehen. Auch William kannte Evelinen ſehr wohl, denn er war noch in ſpäteren Jahren, als ſie ſchon zur Jungfrau herangewachſen war, mehrmals mit ihr zu⸗ ſammengetroffen und hatte ſie zuletzt in London, wohin er ſeine Zöglinge im Winter begleiten mußte, öfters geſehen. Es läßt ſich begreifen, daß Jenny bei Evelinens Heran⸗ kommen jene beſorgliche Bangigkeit empfand, die uns ſtets ergreift, wenn wir Perſonen, die die Unſchuld der Kinder⸗ zeit vertraut an uns feſſelte, nach langem Zwiſchenraum, in einem bedeutenden Abſtande der Verhältniſſe wieder er⸗ blicken. In Williams Seele herrſchte noch ein anderes, tie⸗ feres Gefühl— er liebte Evelinen. Wie daher Beſorg⸗ niß und Freude in der Seele unſerer jungen Freunde wech⸗ ſelte und wie ſich zu beiden das Misbehagen geſellte, Eve⸗ linen in Begleitung ihres Oheims und Vetters zu erblicken, läßt ſich leicht begreifen.„Wird ſie dich kennen?“ dachte Jenny,„wird ſie dich fremd oder vertraut begrüßen? Sollſt du ſelbſt den Ton der alten Freundin, oder den der fremd⸗ gewordenen Bekannten aus der fernen Jugendzeit anneh⸗ men?“—— Sie fühlte wohl, daß ihr großer Schmerz und Demüthigung, oder eine unendliche Freude nahe ſei, und darum pochte ihr junges Herz laut in der Bruſt. Der Vater, dem Alter, Erfahrung und entſagende Faſſung eine Beſtimmtheit und Ruhe des Handelns und Empfindens verliehen hatten, welche er jetzt ſelbſt Denen gegenüber nicht mehr verlor, die ſich in ſo bedeutender Stellung über ihm befanden, war ruhig. Er hatte Sir Atwood nie geſucht, nie vermieden und, was er Uebles von ihm erfahren, längſt vergeben.
Indeß waren die Drei den Hügel heraufgekommen, auf deſſen Spitze unſere Freunde ſaßen. Eveline ſchien ſie bis
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