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Allmächtiger Gott! Laß mich nicht wieder zu der troſtloſen Wirklichkeit erwachen!“ 3
Alle ſchwiegen in tiefer Erſchütterung. Da nahte ſich ihm die Gattin ſanft, drückte einen Kuß auf ſeine Lippen und ſprach:
„Nein, Clermont! Diesmal ſte es kein Traum. Fühle den warmen Hauch meiner Lippe, höre den Klang meiner Stimme! Ach, ich glaubte oft zu träumen. Doch wunder⸗ barer als alle Träume iſt die Wirklichkeit.— Faſſe Dich, raffe die hohe Stärke Deiner Seele zuſammen, erkenne uns, erkenne das Leben wieder.“
„Gott der Gnade, laß mich nicht wahnſinnig werden!“ rief Clermont heftig.„Ich ſehe zwei Töchter und doch raubte ich Dir die eine ſelbſt. Es muß Alles ein Traum ſein!“
„Der Gott, der Dich zurückgeführt hat, rettete auch Eugenien; er rettete ſie durch dieſe treue Hand,“ ſprach die Gattin mit tief in die Seele dringender Stimme, indem ſie Betty's Hand ergriff.
Clermont ſtarrte dieſe lange an. Endlich rief er:„ Es wird Tag! Ich erkenne ſie! Ich wache, ich lebe! O Mut⸗ ter, lehre einen Vater ſeine Töchter kennen, welche iſt Leon⸗ tine, welche Eugenie?“
„Siehe hier Leontinen und hier die gerettete Eugenie, die ich ſelbſt erſt ſeit wenigen Wochen gefunden.“
Der Vater ſchloß ſie in die Arme.„Wie ſchön ſie ſind!“ rief er aus,„wie hold, wie lieblich! Gott, iſt es niißt zu viel, zwei ſo holde Töchter zu haben?“
Als Deſormery dieſe Worte hörte, brach er in bittere Thränen aus.
„Nun erkenne ich auch Dich, mein Sohn!“ rief Cler⸗ niont, der wieder einen Augenblick in träumendes Sinnen


