Teil eines Werkes 
14. Band = Neue Folge, 1. Band, Algier und Paris im Jahre 1830 : 2. Theil (1846)
Entstehung
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wieder auf's Knie und rief:Kinder! Kinder! Betet, daß Gott Euerm Vater das Auge wieder öffne! daß Euch ſeine väterliche Stimme nur einmal begrüße! O Gott! O Gott! Wenn Du mir noch Jahre des Lebens zudachteſt, nimm ſie mir, aber vergönne mir eine Stunde, einen Augenblick mit ihm! Nur einmal noch laß mich meinen Namen von der theuern Lippe hören, nur einmal ſchließe er mich an ſeine Bruſt, daß ich ihm ſage, welche namenloſe Schmer⸗ zen ich erduldete, wie unverbrüchlich treu mein Herz ihm geblieben! Ach, ich ſtand ja funfzehn Jahre des Elends und des Jammers aus! Gib mir nur eine Minute der Freude dafür und ſie ſind vergeſſen! O, meine Kinder!

Beetet, betet zu dem Allmächtigen, er wird den Ruf Eurer

ſchuldloſen Herzen hören! Ach, Ihr hattet ja niemals einen Vater! Gottes ſtrenge Hand entriß ihn Euch, ehe Eure Lippen ſeinen Namen lallen konnten, Gottes Gnade wird ihn Euch wiederſchenken! Fleht ihn an aus tiefſter Bruſt! Die kniende Mutter ſchlang beide Arme um die Töch⸗ ter und zog ſie heftig an ihre Bruſt, als müßte ſo das Flehen der vereinten Herzen mächtiger zu dem Ewigen em⸗ pordringen. Alle vergoſſen ſie heilige Thränen und ihre Seele ſandte heiße Gebete zum Himmel. A In dieſem Augenblick öffnete Eduard die Thür. Ein Blick ſagte ihm Alles. Wie von höherer Macht bezwun⸗ gen, warf auch er ſich zu den Füßen der Lagerſtätte ſeines Vaters nieder auf die Knie und rief die Gnade des Him⸗ mels an. Eine heilige Erſchütterung durchdrang jedes Herz. Marie lag in den Armen ihres Vaters; Victor und Adolph blickten mit thränendunkeln Augen zum Himmel empor. Der Arzt ſelbſt war ſo bewegt, daß er ſeine ganze Faſ⸗ ſung zuſammenraffen mußte, um dem Verwundeten die Dienſte zu leiſten, die in dieſem Augenblick entſcheidend

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