Teil eines Werkes 
5. Band (1843) Sagen und romantische Erzählungen / von Ludwig Rellstab
Entstehung
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Schüchtern iſt ſie, trotz ihres Wandermuthes, wie ein Reh. Es raſchelt im Gebüſch, gleich neſtelt ſie ſich ängſtlicher an mich; ein Kauz flattert über uns weg, ſie ſchreckt zu⸗ ſammen.—

„Ich höre und erzähle gar gern unſere Märchen,“ ſpricht ſie zu mir,„aber erleben möchte ich um Alles in der Welt keinen Spuk!“

„Wenn nun hier plötzlich der alte Bergmann hinter dem ſchwarzen Baumſtamm hervorträte?“ neckte ich ſie.

„Pfui doch! Nicht ſo etwas!“ Und ſie drängte weit abwärts von dem Stamm.

„Aber wenn die ſchöne Fei in Silberſchleiern aus dem Boden ſtiege?“

„Ich hätte den Tod vor Schreck!“ rief ſie, und ſchmiegte ſich(das wollte ich nur) dichter an mich. Sie war leicht⸗ füßig wie ein Elfenkind, lieblich plaudernd, reizend ſchüch⸗ tern und noch reizender muthig, wo es blos Weg und Steg und irdiſche Gefahren galt.

„Was ſcheint dort unten Weißes, Nanny?“ fragte ich. „Das iſt der Nebel aus dem Wieſenthal!“ antwortete ſie fröhlich.„O, nun ſind wir bald hinab, am Mühlbach. Der plätſchert einmal luſtig! Siehe, da iſt auch der Mond.“

Im Thaleinſchnitt ſtieg ſein ſilberner Schein empor und warf zauberiſches Licht in das Laubdach der Waldung. Er ſtrahlte gerade in Nanny's freundliches Geſicht; ſie lächelte mit friſchen Lippen. Welch ein holdes, romantiſches Nachtbild.

Selige Stille war um uns her, der Wind ſchwieg; es flüſterte nur leiſe in den Zweigen. Wir ſtanden und lauſch⸗ ten. Mein wegunkundiger Führer aus Thale, der mit einem andern Führer voranging, welchen ich ihm oben auf der Victorshöhe, bevor ich wußte, daß Nanny unſer freundlicher