Teil eines Werkes 
5. Band (1843) Sagen und romantische Erzählungen / von Ludwig Rellstab
Entstehung
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Gertrud erholte ſich, doch ihr Geiſt war irre geworden. Sie redete wunderliche Dinge, bisweilen klang es wie Weiſ⸗ ſagungen, als wenn eine unbekannte Macht aus ihr ſpräche. Daraus entnahmen die Leute, was Robert begegnet ſein möchte und erzählten es weiter, wie Gertrud berichtete. Denn oft ſagte ſie, ſie wiſſe Alles, Nachts erzählten es ihr die Bäumez und wenn der Geiſt über ſie kam, redete ſie, als ob ſie mit Robert ſelbſt ſpräche und rief häufig aus:„Ich erlöſe Dich!“

Doch ſo irre die Unglückſelige war, ſo mild und wohl⸗ wollend war ſie Allen. Sie ſpendete allen Armen, ja ſie gab reiche Geſchenke für die Kirchen und Klöſter, wenn fromme Mönche durch das Thal zogen. Jedermann er⸗ ſtaunte, denn ſie war ein armes Mädchen, und Niemand wußte, woher ſie die Spenden nahm. Wenn man ſie fragte, lächelte ſie ſeltſam und ſprach:„Sie geben es mir in dunk⸗ ler Nacht!“ So verbreitete ſich die Sage, ſie habe Nachts in den Bergen Zuſammenkünfte mit ihrem Bräutigam und er bringe ihr das Gold aus der Tiefe der Erde herauf, zu frommen Werken, damit ſie ihn erlöſe aus den zauberiſchen Banden. Gertrud war aber auch ſelten Nachts daheim, ſondern ging in die Wälder, Felsklüfte und Bergſchluchten; ſie verirrte ſich nie und that an den gefährlichſten Abgrün⸗“ den keinen Fehltritt. Köhler, die ſpät aus dem Walde ka⸗ men, haben ſie oft auf den vorſpringenden Zacken der Fel⸗ ſen ſitzen ſehen, wo ihr Geliebter verſchollen war, und Nie⸗

mand begriff, wie es möglich ſei, daß ſie dieſe unerſteigli-

chen Klippen erreichte.

In dieſem irren, wilden Leben alterte ſie raſch; ihr ſchö⸗ nes, braunes Lockenhaar wurde nach wenigen Jahren grau. Die roſigen Wangen bleichten aus, fielen ein und ſcharfe Runzeln furchten ihre Stirn. Noch waren nicht zehn Jahre