Teil eines Werkes 
5. Band (1843) Sagen und romantische Erzählungen / von Ludwig Rellstab
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

gewiegt. Der See ſchien mir ein Himmel zu ſein, mit Ro⸗ ſenwölkchen bedeckt, und ſie eine Göttin, die eben dem blauen Aether neu geboren entſteigen wollte. Gefeſſelt blieb ich ſtehen, ja, als ihr Bild meinem Auge ſchon lange entſchwun⸗ den war, blickte ich noch unverwandt nach der Gegend hin⸗ über. Da ſah ich auf einer kleinen, waldigen Inſel eine Geſtalt ans Ufer ſteigen, die ich für die ihrige hielt, und bald darauf drang von dort her ſchwellend ein Geſang durch die leiſe bewegten Lüfte, dem an Lieblichkeit nichts auf der Erde glich. Das Geheimniß dieſer Töne zog noch mächti⸗ ger als der Anblick des ſchönen Weſens. Die Inſel ver⸗ hüllte ſich in die wallenden Schleier ſilberner Nebel, welche aus dem See emporrauchten; durch wunderbare Klänge, welche aus den Waſſern und den Wolken zu dringen ſchie⸗ nen, ſchwellend getragen, ſchwebte die ſüße Stimme immer ſehnſüchtiger und lockender durch die Lüfte und ſchmiegte ſich bezaubernder an meine Bruſt. Endlich glaubte ich das ru⸗ fende Wort: herüber! herüber! in einem lang verhallenden Laut, mit tiefer Sehnſucht geſungen, deutlich zu vernehmen. Da widerſtand ich nicht mehr, ich warf Jagdſpeer und Bogen hinweg, ſtürzte in die Wellen, die ich leicht mit geübtem Arm theilte, und erreichte bald das erſehnte Ufer. Hier erblickte ich, von einem ſchimmernden Lichtglanz erhellt, eine hohe Waldwölbung, über die ſich die Nebelwolken als mattweiße Decke wallend ausbreiteten und nur ſelten das dunkle Blau des Himmels mit einem leuchtenden Geſtirn hindurchblicken ließen. Auf dem Raſen ſaß die Schöne mit herabhängenden Locken; ſie blickte mich an ach! ich wollte ihr zu Füßen ſinken, ihr Arm empfing mich, von ihrer Lippe tönte das holde Wort:Sei gegrüßt! Hier hielt der Vater inne und verbarg das Antlitz in ſei⸗ 4