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„Tochter, meine Tochter!“ rief die Gräfin, und jetzt brach ein heißer Strom von Thränen auch aus ihren Augen hervor:„Eine Tochter an meiner Bruſt! O ich kann wie⸗ der weinen!“
Auch Bianca näherte ſich und legte ihren Arm weich um den Nacken der hohen Geſtalt.„Ruhe bei uns aus, Du Schwergebeugte,“ bat ſie tröſtend;„wir wollen Deine Töch⸗ ter ſein!“
Die Gräfin ſah ſie einen Augenblick mit fragenden Blicken an; ein heftiger Kampf bewegte ihre Bruſt; es zog ſie mit ſanften Armen wieder in das Leben, in das milde Reich der Freude zurück. Doch plötlich richtete ſie ſich auf, entzog ſich der Umarmung der Weinenden, bewegte verneinend das Haupt und ſprach:„Nein, nein, es iſt unmöglich! Sollte ich, ein ewiges verſteinertes Bild des Grams mich hinſetzen in die Hallen Eures Glückes und jeden Kelch der Freude vergiften? Nein, nein, nimmermehr!“
In Haltung und Stimme drückte ſich die Unabänderlich⸗ keit ihres Entſchluſſes ſo feſt aus, daß Niemand die Bitte zu wiederholen wagte. Indem hüpfte das blondlockige Töch⸗ terchen Aliſettens, Nadine, zwiſchen den Gebüſchen hervor, und blieb erſtaunt vor der Fremden ſtehen und betrachtete ſie mit ihren großen unſchuldigen Augen.
Eine ſeltſame Rührung bewegte die Bruſt der Gräfin beim Anblick dieſes Kindes, das ſie ſogleich erkannte.„Kennſt Du mich noch, Nadine?“ fragte ſie mit kaum hörbarer Stimme.
Statt zu antworten ſah das Kind ſie noch immer an und ſchmiegte ſich dann mit dem Lockenköpfchen vertraulich in ihren Schooß.
Zu erſchüttert, drängte die Gräfin es ſanft hinweg und wandte ſich ab, um zu gehen.


