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„Bleibe bei uns, ſchöne Dame,“ rief Nadine ihr freund⸗ lich nach, als ſie gegen die Gartenpforte zuging. Naſch wandte ſie ſich um, hob das Kind auf, küßte es, drückte es ans Herz und fragte bewegt:„Willſt Du mit mir gehen? Dieſes Kind wäre ein ſüßer Troſt in meiner tiefen Ein⸗ ſamkeit,“ wandte ſie ſich zu Bianca und blickte ſie fra⸗ gend an.
„Was Du forderſt, nichts, nichts kann ich verweigern,“ erwiderte dieſe, wie tief ihr auch die Wehmuth einer Tren⸗ nung von dem liebgewordenen kleinen Weſen ins Herz drang.
„Nein, auch das nicht,“ ſprach die Gräfin nach einigen Augenblicken ſtummen Kampfes ſanft, aber feſt, und ließ das Kind auf den Raſen nieder.„Soll ich den ſchwarzen Trauerflor über ſeine heitere Jugend werfen? Soll es nur unter Cypreſſen wandeln, wo Todtenurnen trauernd ſtehen? Nein, ich will die Tage, die ich noch leben muß— zum Allmächtigen hoffe ich, es werden nur wenige ſein— nicht mit dieſem Vorwurf belaſten. Weile unter Glücklichen, holdes Weſen!“
Sie küßte das Kind und ließ es von ſich; es ging zu Bianca hin und fragte theilnehmend:„Mutter, Du weinſt?“
Ich kam nur, um Abſchied zu nehmen,“ begann die Gräfin nach einer Minute der tiefſten Stille geſammelt;„ich zitterte vor dieſer Stunde, doch es wäre ungerecht geweſen, ſie zu vermeiden. Ich gehe nach Amerika! Es kann mir ein Vaterland werden, denn es iſt das einzige Land der Erde, wo eine freie Seele zu athmen vermag. Meine Heimat iſt ein Kirchhof, ein Gefängniß, eine ſchmachvolle Richtſtätte,— ein Weltmeer liege zwiſchen ihr und mir!— Wir wollen uns den Abſchied nicht erſchweren; raſch, entſchieden zerreiße das letzte Band, das mich feſſeln will. Lebt wohl, Ihr
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