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Eines Abends, gegen das Ende des Auguſts, als ſchon die Dämmerung ihren Schleier leiſe über den Glanz der ge⸗ ſunkenen Sonne zu ziehen begann, ſaßen Bernhard, Lud⸗ wig, Bianca und Marie vor dem Gartenſaal beiſammen. Sie erblickten von dem buſchumkränzten Hügel einen Reiſe⸗ wagen, der die dicht am Garten vorbeiführende Landſtraße daher kam. Er hielt an der Gartenpforte; ſie öffnete ſich, eine hohe weibliche Geſtalt in Trauerkleidern trat ein und ſchritt auf die Erſtaunten zu.„Ich ſollte dieſe Juno kennen,“ ſprach Bernhard ahnungsvoll, da ſie ſchon ſo nahe gekom⸗ men war, daß man ihre Züge hätte unterſcheiden können, wenn ſie nicht von dem Schleier verhüllt geweſen wären.
„Es iſt die Gräfin!“ rief plötzlich Marie, die ſie am längſten und genaueſten gekannt, und eilte ihr beklommen überraſcht entgegen.
„Ja, ich bin es,“ ſprach die Kommende ſtillſtehend und ſchlug den Schleier zurück; dann öffnete ſie die Arme, um Marien zu empfangen, ſchloß ſie heftig ans Herz und drückte heiße Küſſe auf ihre Lippen. Auch Ludwig, Bernhard, Bianca hatten ſich genähert; ſie empfingen einen ſtummen, ſchmerz⸗ voll innigen Gruß von der hohen Frau.
Sie war bleich; der Gram hatte ihre edlen Züge tief gefurcht; Thränen vergoß ſie nicht, aber der Glanz des Auges war erloſchen.
„Ich wollte Euch noch einmal wiederſehen,“ ſprach ſie nach langem Kampfe mühſam, und reichte Bernhard und Lud⸗ wig die Hand dar; dann verſtummte ſie wieder.
Die Frage nach Raſinski ſchwebte auf Aller Lippen, doch wagte ſie Niemand zu thun.
„ und Sie kommen allein, ganz allein?“ begann endlich Bianca mit zagender Stimme.„O laſſen Sie uns nicht länger in banger Ungewißheit um das Geſchick ſo theurer Weſen.“


