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Band unſerer Herzen ſoll ſelbſt das Schwert des Schlacht⸗ tengottes nicht trennen. Iſt es uns gleich nicht geſtattet, wie die homeriſchen Helden das heilige Gaſtrecht der Freund⸗ ſchaft auch im offenen Kampfe zu ehren, ſo können wir, edler als ſie, die Hand mit Liebe drücken, von der wir fallen. Doch dieſes Außerſte wird der Gott der Milde verhüten, dem wir unſere Tage anvertrauen. Freunde, Brüder! Eine gnä⸗ dige Hand legte die Binde um das Auge des Menſchen, daß er die Zukunft nicht ſchaue; oft iſt es ihm heilſam, daß auch die Gegenwart ſich verſchleiere. Dieſes Heil laßt uns als eine Wohlthat erbitten und es nicht frevelnd von uns ſtoßen. So lange der Kampf dauert, der uns feindlich gegen einander führt, wollen wir unſere Freundſchaft nur in ſchwei⸗ gender Bruſt tragen. Keiner wiſſe, Keiner erfahre von dem Andern. Denn nicht zu vermeſſen trotze der Menſch auf ſeine Kraft. Wüßte ich, wo Ihr als Gegner mir gegen⸗ über ſtändet, das Schwert entſänke vielleicht meiner Hand, und ich vermöchte nicht das heilige Gelübde zu löſen. Darum trenne dieſer Streit der Völker, der ſich ehern erhebt, jetzt alle ſanfte Bande der Liebe und Mittheilung, die ſich ſonſt zwiſchen uns und den Unſrigen geknüpft hätten. Vielleicht erſcheint einſt der Tag des Friedens, auf den Du hoffeſt, Ludwig, und dann werden wir uns wiederfinden. Fällt das Loos der Schickſals anders, ſei's darum. Wir werden es zeitig genug erfahren. So lebt denn wohl, Ihr Freunde! Und Ihr, holdſelige Geſtalten, an die meine Seele mit ſüßem Schmerze zurückdenkt, Bianca, Marie!— Leb wohl,
Marie, ſei glücklich, Du kannſt es, denn die Jugend lächelt
noch auf Deiner Wange, und noch blüht der Lenz, der neu⸗ geſtreute Saaten zu goldenen Früchten reift. Sei glücklich und beglücke!— Es iſt genug! Wir ſcheiden, vielleicht auf lange Zeit, vielleicht— doch meine Hand will an dem


