Teil eines Werkes 
4. Band, 1812 : ein historischer Roman : 4. Theil (1843)
Entstehung
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pfing es, doch er öffnete es nicht, ſondern legte es zurück bis Ludwig nach Hauſe käme.

Als ſie Alle beiſammen waren, gab er es ihm und ſprach: Lies es uns. Ludwig nahm den Brief, erbrach ihn, warf einige flüchtige Blicke hinein und las dann mit ſchmerz⸗ lich erſchütterter Stimme:

Meine Freunde! 1

Ich habe Eure Briefe empfangen; ich erwartete ſie be⸗ reits. Ihr handelt, wie es eine unerläßliche Pflicht von Euch fordert; könnte meine Liebe zu Euch noch wachſen, ſie würde es dadurch. Der Altar des Vaterlandes iſt der hei⸗ ligſte, auf dem ein Mann ſeine Opfer zu bringen hat. Mit ſeiner Geburt leiſtet er ihm den ſtummen, aber unverbrüch⸗ lichen Eid der Treue. Haltet ihn; auch ich werde ihn hal⸗ ten, denn ich ſchwur ihn wie Hannibal ſchon als Knabe, obgleich kein Hamilcar mich an den Opferherd führte. Stets verehrte ich die erhabene Tugend des Brutus, der ſeinen Söhnen das Todesurtheil ſprach, weil ſie das Vaterland ver⸗ riethenz ich müßte es Euch ſprechen, wenn Ihr wie Brutus Söhne fehltet. Kein neuer Schmerz trifft meine Seele. Ich bin daran gewöhnt, daß der eherne Fuß der Welt⸗ geſchicke die Blüthen zertrete, die ich für mein Herz zu pflanzen hoffte. Das ſorgloſe Glück der Jugend, das ſchönere der Liebe, habe ich dem ſtrengen Gott geopfert; auch das Band der Freundſchaft will er jetzt zerreißen, doch das vermag er nicht. Ja, meine Freunde, ich habe den Schmerz in ernſter Schule gelernt und bin gehärtet gegen ſeine Pfeile. Ein undurchdringlicher Stahl deckt meine Bruſt. Die rauhen Schläge des Schickſals zermalmen ſie nicht mehr, ſie erſchüttern ſie nur mit dumpfer Betäubung. Wir müſſen uns bekämpfen, doch wir dürfen uns lieben. Das ſchöne