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Schleier rühren, der das heilige Antlitz der Zukunft verhüllt; die Zeit allein ſoll ihn heben. Lebt wohl bis in den Tod.“ „Euer Raſinski.“
So war denn der letzte ſchwerſte Kampf der Herzen gekämpft; nur der leichtere, der des Schwertes, blieb noch übrig.
Am nächſten Morgen tönten die Glocken feierlich von den Thürmen; die Scharen der Krieger ſammelten ſich auf dem Marktplatze, Tauſende der Bürger ſtrömten herbei, um die ſcheidenden Kämpfer noch einmal zu begrüßen.
Bernhard und Ludwig waren gewaffnet; ihre Roſſe ſtampften unruhig vor der Thür. Bianca und Marie ſtan⸗ den, in bangen Thränen, aber heilig erhoben durch die Größe des Augenblicks, an die Brüder geſchmiegt.
„Leb wohl, Schweſter,“ brach endlich Bernhard das bange Schweigen,„leb wohl! Und Du, Marie? Und Du?“
Sie wollte ihm die Hand reichen, er zog ſie näher, ſie ſank, überdrängt von ſeiner edlen Liebe, weinend an ſein Herz. Bernhard drückte einen ſanften Kuß auf ihre Stirn, dann ſprach er feſt:„Nein, Du Holde, jetzt fordere ich das entſcheidende Wort nicht von Dir, vor dem die Blüthen mei⸗ nes Lebensglücks ſich duftend öffnen oder welkend fallen ſol⸗ len. Nicht der überwältigende Sturm des Augenblicks ſoll es Dir entreißen! Du mußt wiſſen, ob Deine tiefe Wunde heilen konnte. Aber der Tag der Wiederkehr wird nahen; dieſe leuchtende Sonne, die dort die Kuppeln beglänzt, ver⸗
heißt ihn uns. Dann trete ich zu Dir, Marie, und frage
Dich:„Will das ſchönſte Herz ſich einem treuen widmen?— Doch jetzo nicht!“
Mit dieſem Worte riß er ſich los und eilte mit Ludwig hinab. Marie ſank weinend, betäubt an Bianca's Bruſt.


