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der nächſte Morgen ſchon erblickte ſie neu in Waffen. Doch herrſchte eine düſtere Beklemmung in ihrer Bruſt, denn zu ſchwer laſtete das Verhängniß auf ihnen, das ſie zwang, von nun an dem edelſten Freunde, dem Retter und Beſchir⸗ mer ihrer Tage als Feinde gegenüber zu treten und die Waf⸗ fen gegen fein verehrtes Haupt zu führen. Nicht eher konnte dieſe düſtere Stimmung weichen, bis es rein zwiſchen ihnen und Raſinski geworden war. Daher nutten ſie die erſte Stunde der Muße nach ihrem Entſchluſſe, um ihn üſtd da⸗ mit bekannt zu machen. Ludwig ſchrieb ihm:
„Theuerſter Freund!“
„An Dein edles, großfühlendes Herz richte ich dieſe Worte. Der Strom der Weltgeſchicke, der auf wild geho⸗ benen Wellen mich zu Dir trug und meine Tage Deinem Schutz anvertraute, hat uns jetzo weit auseinander geriſſen. Doch er trennt uns nicht nur, ſondern er treibt mich Dir ſogar feindlich entgegen. Noch ehe ich das Wort erkläre, weiß ich, haſt Du es verſtanden. Die Völker treten in einen furchtbaren Kampf; der Einzelne kann ſich nicht von der heiligen Sache des Vaterlandes losſagen; doch bluten darf ſein Herz unter der grauſamen Pflicht. Du haſt den Schiffbrüchigen, der verloren auf ſtürmenden Wellen trieb, an Bord genommen und gerettet an den ſichern Strand der Heimat geführt. Und jetzo ſoll er, den ſtolzen Segeln der vaterländiſchen Flotte folgend, das Verderben dahin ſenden, wo er Rettung fand! Freund, der Du mich kennſt, der Du meine Liebe tauſendfach geprüft, frage Dich, ob ich undank⸗ bar ſein kann. Ich weiß und vertraue mit heilig unerſchüt⸗ terlichem Glauben darauf, Du werdeſt mir vergeben, unſere Freundſchaft werde ſelbſt dieſer Sturm der Geſchicke nicht trennen. Gewaffnet ſollen wir einander entgegentreten, aber


