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nun ſegne ich das Jahr der Duldung, das wir überſtan⸗ den; denn es war unſere ſtrenge, lehrreiche Schule. Doppelt kann ich jetzt das Unrecht vergüten, das ich wider Willen dem Vaterlande zugefügt. Gehärtet in dem furchtbaren Kampfe, der hinter uns liegt, wiegen wir das Dreifache für den, welchen die Zukunft uns bereitet. Nicht mehr Neulinge, erprobte Männer, geſtählt in Gefahren und Drangſalen, wiſſen wir jetzt unſer Schwert zu führen. O wahrlich, Schweſter, Du ſpracheſt wahr, der Roſenglanz des Morgenroths beüßt durch die tiefſte Nacht!“
Bernhard ging, waͤhrend Ludwig ſich ſeiner freien Be⸗ geiſterung überließ, unruhig und gedankenvoll auf und nieder. „Ich fühle, was geſchehen muß,“ begann er endlich,„und ein edles Gefühl hebt auch meine Bruſt. Aber Freude kann ich es nicht nennen. Thaten wir Unrecht, an dem Kampfe dieſes Jahres Theil zu nehmen, war es unſere höhere Pflicht, das Haupt auf den Block zu legen und als wehrloſe Opfer der Argliſt zu fallen, ſo trifft uns jetzo auch die Nemeſis. Und ſie trifft ſchwer!“
Marie ahnete die Gedanken, die ſich in Bernhards Bruſt bewegten. Ludwig aber erwiderte:„Ich verſtehe Dich nicht, Bernhard; welche Nemeſis ſiehſt Du in den Fügungen, die ich für die gnadenreichſten des Himmels halte?“
„Auch ich halte ſie dafür; doch haftet nicht für uns Beide ein ſchweres Geſchick daran? Deine ſchöne Begeiſte⸗ rung, Ludwig, hat Dich in trunkener Freude hingeriſſen. So muß ich Dir ſagen, was ich ſonſt von Dir, der Du immer beſſer geweſen, edler empfunden als ich, gehört hätte?“
„Vollende nicht,“ unterbrach ihn Ludwig ſchnell;„ich weiß, was Du ſagen willſt. Gewiß, dies Opfer wird ſchwer; es iſt der Ring des Polykrates, den wir ins Meer werfen müſſen.“


