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hüllte den liebenden Herzen das ſüßeſte Geheimniß. Er wagte die Blüthe nicht zu berühren, die ſich ihm mit ſchüch— tern geſenktem Kelch entgegenneigte. In dieſem ſchweben⸗ den bangen Gluͤck weilten jetzt ihre Herzen; doch ſtill und unbemerkt zeitigt ſich die köſtliche Frucht, und prangt ſie in vollendeter Fülle, ſo fällt ſie, eine reine Gabe des Himmels, beim leiſeſten Hauch günſtiger Lüfte wie von ſelbſt in den offenen Schooß herab.
Die Saaten der Weltgeſchichte reiften der Sichel golden entgegen; in derſelben Sonne füllte ſich die Purpurroſe der Liebe.
Schon regte es ſich mächtig in allen deutſchen Herzen; man fühlte den ehernen Druck des Joches, das ſo lange auf dem Nacken gelaſtet hatte, einen Augenblick gelüftet und ſtolz und frei und hoffnungsgroß athmete die Bruſt auf.
Eines Abends, als die Geſchwiſter im trauten Verein beiſammen ſaßen, pochte es bei ſpäter Weile an die Thür. Sie öffnete ſich auf Ludwigs Ruf. Arnheim trat ein. Ein Erröthen und Erblaſſen überflog Mariens Wangen, als ſie ihn erblickte. In dieſem Augenblicke ahnete ſie aus dem Unterſchiede ihrer Geſinnung gegen ihn und gegen Bernhard ihre Liebe zu dieſem. Der Kommende ging ihr, als der Einzigen, die er in dieſem Kreiſe kannte, grüßend näher und redete ſie an:
„Kaum traute ich meinen Augen, als ich Sie dieſen Nachmittag in der Dämmerung hier am Fenſter erblickte;
ich erfuhr bald, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Erlau⸗ ben Sie, daß ich meinen kühnen Beſuch durch eine freudige Nachricht entſchuldige, die ich gerade Ihnen ſo ſchnell als möglich zu verkünden mich verpflichtet fühlte.“
„Sein Sie in jedem Falle willkommen geheißen,“ er⸗ widerte Marie,„und doppelt willkommen, wenn ſie, eine


