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iſt mein Bruder!“ rief ſie mit einem Tone, der die Seele zerriß.
Ludwig erſtarrte. Doch ſchnell faßte er ſich, ſprang vom Schlitten, riß das Piſtol aus dem Gürtel und ſchoß nach Dolgorow. Er traf ihn leicht an der Schulter, ſodaß dieſer einen Augenblick wankte und zurücktrat.„Flüchte, Un⸗ glückſelige,“ rief Ludwig jetzt und wollte Bianca umfaſſen, doch ſchon waren drei Diener, die in der Geſindeſtube nächſt dem Thor geſeſſen hatten, herbeigeeilt und riſſen ihn von hinten zu Boden.„Packt die Frevler! Bindet ſie!“ rief Dolgorow wüthend, und die Diener, die ſich ſchnell durch
einige vom Hofe Herbeieilende vermehrten, warfen ſich über
die Unglücklichen her. Er ſelbſt ergriff Bianca, riß ſie empor
und trug ſie, da ſie ſich ſträuben wollte, mit Gewalt die
Stufen herauf. Ihre Kraft brach in ihrem Schmerz; ſie vermochte keinen Widerſtand zu leiſten. Jeannette folgte der Gebieterin. Die Diener, ohne weitern Befehl abzuwarten, riſſen den bewußtloſen Bernhard und den betäubten Ludwig mit ſich fort und ſchleppten ſie dem Grafen nach.
Auf dem obern Corridor begegnete ihnen die Gräfin, die den Schuß und das Getöſe gehört hatte, ohne die Urſache zu
wiſſen, und jetzt aus ihrem Zimmer eilte, um ſie zu er⸗
fahren.
„Nehmen Sie Ihre Tochter zu ſich, Gräfin,“ rief Dolgorow,„die Ehre unſers Hauſes ſteht auf dem gefähr⸗ lichſten Spiel.“
„Nicht Eure Tochter!“ rief Feodorowna, der die Be⸗ ſinnung zurückkehrte, außer ſich vor Schmerz;„ich erkenne Eure Rechte nicht mehr an! Ihr habt meinen Bruder ge⸗ mordet!“ Heftig entrang ſie ſich jetzt den Armen des Gra⸗ fen und eilte zurück, den Dienern entgegen, welche Bern⸗
hard und Ludwig herbeiſchleppten.„Ihr ſeid meine Vaſal⸗


