Teil eines Werkes 
3. Band, 1812 : ein historischer Roman : 3. Theil (1843)
Entstehung
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niß ihrer Geburt niemals zu verrathen. Doch dazu bedurfte es einer ſtärkern Mannſchaft, als man im Schloß hatte. Außer den Dienern, unter denen die meiſten Leibeigene Feo⸗ dorowna's waren, auf die ſich Dolgorow in einem entſchei⸗ denden Falle nicht unbedingt verlaſſen konnte, war keine Mannſchaft im Schloß. Bernhard und Ludwig allein ver⸗ mochten einen ſo entſchloſſenen Widerſtand zu leiſten, daß man wenigſtens gezwungen werden konnte, ſie zu tödten, und alsdann war die Bürgſchaft für das Geheimniß verloren. Feodorowna's Leben ſelbſt aber durfte Dolgorow nicht gefähr⸗ den, theils weil ihre Leibeigenen in ſolcher That einen furcht⸗ baren, nicht zu verſöhnenden Frevel geſehen hätten, theils weil er vorausſah, daß die Gräfin ihre Zuſtimmung verſagen werde, endlich aber auch, weil er ſelbſt hier das innere Maß ſeines frevelhaften Wollens erſchöpft fühlte. Denn Jeder, auch der Verderbteſte, trägt eine Grenze ſeines frevelnden Wollens in ſich, die er nicht zu überſchreiten wagt. Selbſt der tiefſte Abgrund der Verbrechen erſchöpft ſich und erreicht einen Punkt, wo das heilige Gebot der Sittlichkeit ſich ſo unbeſiegbar gel⸗ tend macht, daß der Entartetſte, und ſollte er darüber die Frucht aller ſeiner frühern Frevel verlieren, ſollte er ſelbſt der irdiſchen Vergeltung anheimfallen, dennoch die Wil⸗ lenskraft zum Böſen gelähmt fühlt und den letzten Streich,. der ihn ans Ziel bringen ſoll, nicht zu führen wagt. So greift der unſichtbare Arm des Allmächtigen ſelbſt in das Ge⸗ 5 triebe verbrecheriſchen Thuns und gebietet einen unwiderruf⸗ A lichen Stillſtand. Dolgorows Plan war gefaßt. Er beſchloß, eine hin⸗ längliche Mannſchaft in die Nähe des Schloſſes kommen zu laſſen, um jeden Widerſtand zu beſeitigen. Dann ſollten Ludwig und Bernhard ins Freie gelockt, unvermuthet über⸗ 5 fallen, ergriffen, geknebelt und in möglichſter Stille abge⸗ 4

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