Teil eines Werkes 
3. Band, 1812 : ein historischer Roman : 3. Theil (1843)
Entstehung
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Sie ging mit ihrer Mutter ins Tafelzimmer. Hier ſah

ſie Ludwig und Bernhard nach der jetzt für ihr Herz ſo lan⸗ gen Trennung wieder. Es pochte in heftiger Wallung, doch gebot ſie ihren Gefühlen mit angeſtrengter Kraft, um ſich nicht zu verrathen. Freundlich, wohlwollend durfte ſie ja ſein, denn ſie war es ja immer, und jetzt konnten dankbare Regungen ihr überdies den gültigſten Vorwand dazu leihen. Die übung der vornehmen Sitte half ihr die Stunden des Mittageſſens überwinden, ohne durch irgend etwas ihre Stimmung zu verrathen. Die Gewandtheit des Bruders, der ſich des Geſpräches bemächtigte, es auf Schottland und England, auf ſeine Reiſen daſelbſt, auf die Kunſt im All⸗ gemeinen leitete und ſo auch Ludwig, der über ernſte, Nach⸗ denken erfordernde Gegenſtände immer mit Einſicht zu ſpre⸗ chen wußte, hineinzog, kam ihr trefflich zu Hülfe. Dolgo⸗ row ſelbſt verlor einen Theil ſeines Argwohns und überließ ſich der Hoffnung, daß alle angeregten Beſorgniſſe auf zu⸗ fälligen Umſtänden beruhten. Man ſtand endlich von der Tafel auf, und die Frauen waren im Begriff, ſich zurückzu⸗ ziehen. Da erhaſchte Bianca einen, wie ſie glaubte unbe⸗ wachten Augenblick und flüſterte Bernhard die Worte zu: Sei getroſt, ich habe Hoffnung zu einer glücklichen Wen⸗ dung unſers Schickſals.

Doch Dolgorow, der eben von Jacques gebrachte Briefe geöffnet hatte und las, warf zufällig einen Blick über das Papier auf einen Spiegel, in dem er Bernhards und Bian⸗ ca's Geſtalten gang erblickte. Er ſah ihre vertraute An⸗ näherung, bemerkte ihr Flüſtern und die Bewegung, welche die Worte auf Bernhards Angeſicht erzeugten. Zwar hatte er keine Sylbe vernommen, aber in der Miene Beider ge⸗ wahrte er den Ausdruck einer Vertraulichkeit, welche nur durch das innigſte Verhältniß erzeugt werden konnte und um ſo