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mit einem gewiſſen Eifer, den ein gleichgültiger Umſtand nicht hätte erregen können, Jeannetten befahl, den Kammer⸗ diener zu fragen, ob er den Schlüſſel habe, und Sorge zu tragen, daß geöffnet würde. Indeſſen ging er und bald dar⸗ auf wurde die Thür in der That geöffnet. Bianca aber wußte nur zu gut, daß ſie dadurch nicht ihre wirkliche Frei⸗ heit, ſondern nur den Schein derſelben zurückerhalten habe, und daß man jetzt ihre Schritte um deſto ſorgfältiger beob⸗ achten werde. Dennoch erſchien ihr die Flucht nicht unmög⸗ lich, und überdies war es das einzige Mittel, welches ihr übrig blieb. Ihr Herz ſuchte daher mehr einen Rath als ihr Verſtand. Sie mußte alte, heilige Pflichten brechen, neue, unendlich theure übernehmen; Altern, Vaterland, ſelbſt den Namen ſollte ſie plötzlich laſſen und in eine ganz andere Welt treten. So mächtig ihr Herz ſie dorthin zog, jetzt im Augenblick der Entſcheidung empfand ihre edle Seele erſt, mit wie unzähligen, unſichtbaren Fäden das Leben uns umſpinnt, die erſt dann uns halten und feſſeln, wenn wir ſie für im⸗ mer zerreißen ſollen. In dieſer Bedrängniß ſchrieb ſie an Gregor, ihren väterlichen Freund und Nathgeber, den Mit⸗ kundigen des Geheimniſſes, und bat ihn dringend, ſobald es ihm irgend möglich ſei, nach dem Jagdſchloß zu kommen. Doch war ſie ſo vorſichtig, ihm den Grund ihrer Bitte nicht zu melden. Sie wußte, einer ſo dringenden Aufforderung folge er doch. Willhofen verſprach den Brief durch einen ſichern Boten zu beſorgen und meldete eine Stunde darnach, daß es ihm gelungen ſei.
Jetzt fühlte ſich ihr Herz nunderbar erleichtert; ihr Ver⸗ trauen zu dem theuren Lehrer war unbegrenzt; ſie empfand, daß ſeine Gegenwart ihr Schutz und Rettung gewähren würde. denn es war ſeine Pflicht, ihr Beides zu bieten, und wo dieſe ihn aufforderten, wußte ſie, war ſein Muth unerſchütterlich.
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