— 38— Viertes Capitel.
Als Benno dieſe Erzählung beendet, waren alle Gemüther
in einer gewiſſen ängſtlichen Spannung, und tiefes Schweigen
herrſchte umher. Er hatte ſo lebendig dargeſtellt und ſeine Hörer ſo vollſtändig von der Nähe des Schauplatzes, auf dem ſich dieſe Begebenheiten zugetragen haben ſollten, überzeugt, daß man die Landſchaft umher mit der Empfindung betrach⸗ tete, wie irgend eine geſchichtlich denkwürdige Stätte, wo man gewiſſermaßen noch die Fußtapfen der dort vorüberge⸗ gangenen großen Ereigniſſe auf heiligem Boden zu entdecken glaubt und ſie mit Ehrfurcht und Rührung betrachtet.
„Befindet ſich wirklich hier in der Nähe ein ſolcher See?“ Mit dieſer Frage unterbrach die Gräfin zuerſt die allgemeine Stille.
„Er iſt wenig bekannt,“ verſetzte Benno,„und, aufrichtig geſtanden, auch eben nicht beſuchenswerth, falls es nicht der
Sage halber wäre. Allein wie es bisweilen geht, ſo haben
unſere Vorältern, trotz ihrer romantiſchen Anlage zur Poeſie, in Beziehung auf die Landſchaften, an die ſie ihre Sagen knüpften, nicht ſo viel Sinn für Naturſchönheit entwickelt, als man ſo dichteriſchen Gemüthern zutrauen ſollte.“
„Mir ſcheint dieſe Anklage doch nicht ganz gerecht,“ wandte Marie ein;„denn erſtlich finden wir wol viele Spuren, daß unſere Väter das Schöne, Schauerliche und Er⸗ habene in der Natur ſehr beſtimmt gefühlt haben, wie dies ja ſchon die Namen ausgezeichneter Berge, Felſen und Schluch⸗ ten beweiſen; zweitens aber war die Sage doch gewiß nichts rein Willkürliches, und wenn ſie ſich auch zum Theil aus
der Ortlichkeit ſelbſt erzeugte, ſo bedurfte ſie doch auch gewiß


