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die Dünſte und enthüllte das erſte, zarte Morgenroth, wel⸗ ches aus dem tiefen Rußland herüberglänzte. Jetzt vermochte der Blick über die jenſeitigen Ufer hinzuſchweifen, denn man überblickte ſie weit hin von den Hügeln, auf denen man ſtand. Welch ein düſtere Ahnungen weckender Anblick! Nur über unermeßliche Wälder und wüſte Sandſteppen ſchweifte das Auge hin. Wie? Zog man deshalb aus, um mit ſo vie⸗ len tauſend Opfern, mit Strömen Blutes ein ſo ödes, un⸗ wirthbares Land, das nur einem unermeßlichen Gefängniß glich, erobern zu wollen? Eine trübe Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich der Seele des Kriegers. Da tönte ein ſchmet⸗ terndes Trompetenſignal; die Sonne ſtieg blutig, aber glän⸗ zend über dem ſchwarzen Fichtenwalde empor, und ein fri⸗ ſches Wehen der Morgenlüfte erfüllte die Bruſt wieder mit Freude und Kraft. Aller Augen wandten ſich zurück nach— der Gegend, woher das kriegeriſche Zeichen des Aufbruchs er⸗ klang. Es war am Gezelt des Kaiſers, welches man in der Nacht auf der höchſten Uferhöhe aufgeſchlagen hatte. Die Sonne beleuchtete es ſtrahlend; prächtig ſchimmerten die wei⸗ ßen, blauen und rothen Felder der dreifarbigen Fahnen, die es ſchmückten. Ein glänzendes Gefolge von Marſchällen und 4 Generalen hielt vor dem Zelt. Der Kaiſer trat heraus, grüßte militairiſch und ſchwang ſich auf ſeinen arabiſchen Schimmel. Jetzt brachen wie auf einen Wink die Colon⸗ nen aus dem Saume des Waldes hervor. In wenigen Mi⸗ nuten bedeckten ſich alle Hügel mit den ſchwarzen ſtrömenden Maſſen, aus deren hellen Waffen die glühende Morgenſonne zurückblitzte. Das ganze Gefilde wogte und leuchtete; das. Herz wuchs bei dem Anblick dieſer ungeheuern Kräfte. In drei breiten Strömen ergoß ſich die ſchwarze Flut ſchlängelnd 3 durch die Strandebenen gegen die drei Brücken zu, welche 4* die Ufer des Stroms verbanden, deſſen Spiegel bald die


